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Mit Berufserfahrung statt Abi an die Hochschule

25. April 2018 – Studieren ohne Abitur? Was noch vor gut zehn Jahren als undenkbar erschien, hat sich mittlerweile unter Berufstätigen Ende 20 zum Trend gemausert. Eine Erhebung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zeigt, dass 2016 unter den Studierenden in Deutschland knapp 57.000 kein Abitur hatten. Sie haben es als beruflich Qualifizierte an die Hochschulen und Universitäten geschafft: Die Abschlussnote einer Meister- oder Fachprüfung und Berufserfahrung sind gleichwertig zum Abitur.

Mittlere Reife, eine abgeschlossene Berufsausbildung und schon ein paar Jahre im Job – das kann doch nicht alles gewesen sein? Doch wie schafft man es ohne Abitur in einen Bachelor-Studiengang an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW)? Voraussetzung sind neben Berufsausbildung und Berufserfahrung ein Beratungsgespräch an einem der DHBW-Standorte und das Bestehen der Eignungsprüfung. Diese Prüfung ist ein Ersatz für die Abiturprüfung. Sie wird einmal im Jahr am Testzentrum des DHBW Centrum for Advanced Studies (CAS) in Heilbronn angeboten.


Über Umwege zum Traumberuf

Am Nachmittag verlässt Ahmadi Quasem das Gebäude des Testzentrums am DHBW CAS auf dem Heilbronner Bildungscampus – er ist zufrieden, sein Kopf ist befreit. Ahmadi hat seine Eignungsprüfung geschrieben: Deutsch, Englisch und eine fachspezifische Klausur. Er ist einer von vielen beruflich Qualifizierten ohne Abitur, die sich auf einen Studienplatz an der DHBW bewerben.

Fast wieder bei Null starten

In seinem Heimatland Afghanistan arbeitet Ahmadi Quasem acht Jahre lang als Arztassistent (engl. Physician Assistant) in einem Krankenhaus, bis er im Oktober 2010 vor den Taliban nach Deutschland flieht. In Bayern wird sein Abitur nur als mittlere Reife anerkannt, sein Studienabschluss zum Arztassistent überhaupt nicht. „Das Jobcenter hat mir geraten, eine Ausbildung zum Krankenpfleger zu machen. Das Abitur nachholen, um anschließend zu studieren, passte mit Ende 20 nicht mehr“, erzählt Ahmadi. Er folgt dem Rat und wird staatlich anerkannter Krankenpfleger. Seit Oktober 2014 arbeitet er in Schleswig-Holstein in der Anästhesie eines Krankenhauses.

Seinen Traumberuf Arztassistent möchte Ahmadi nicht so einfach aufgeben. „Beim Jobcenter sagte man mir, dass ich beruflich nicht mehr weiterkommen werde. Doch seit 2010 gibt es auch in Deutschland Arztassistent als neues Berufsbild. Den passenden Studiengang bietet die DHBW Karlsruhe.“ Das ist seine Chance: Als Krankenpfleger mit Berufserfahrung ist er beruflich qualifiziert. Er muss somit nur noch die Eignungsprüfung am Testzentrum in Heilbronn bestehen und einen Studienplatz bei einer Partnerklinik der DHBW Karlsruhe finden. Die Bewerbungen sind abgeschickt.

Gutes Bauchgefühl

Ahmadi Quasem ist zuversichtlich, dass er die Eignungsprüfung bestehen wird. „Ich habe ein gutes Bauchgefühl und war auch gut vorbereitet.“ Sein Ziel ist jetzt zum Greifen nahe: Studieren, um danach wieder als Arztassistent zu arbeiten. „Wenn ich das schaffe, war die Ausbildung zum Krankenpfleger die Brücke dorthin.“ 


Zielstrebig, selbstbewusst, engagiert

Ein Beratungsgespräch über den Wunsch-Studiengang ist Voraussetzung, um als beruflich Qualifizierter an einem der DHBW-Standorte zu studieren. Katja Eickert ist Studienberaterin an der DHBW Heilbronn. Im Interview erzählt sie über Motivation und Ehrgeiz der Studierenden ohne Abitur.

Beruflich Qualifizierte ohne Abitur, die an der DHBW ein Bachelor-Studium absolvieren möchten, müssen zunächst die Eignungsprüfung bestehen. Diese gleicht einer kleinen Abiturprüfung. Frau Eickert, worin liegt Ihrer Meinung nach die Motivation, dass sich Studieninteressierte, die mitten im Beruf stehen, darauf einlassen?

Katja Eickert: Dafür gibt es unterschiedliche Motive. Einige sind zufrieden in ihrem Unternehmen, sehen aber ihr persönliches Potenzial noch nicht ausgeschöpft und möchten eine leitende Position übernehmen. Meist ist das ohne Studium nicht möglich. Manche möchten sich beruflich auch möglichst viele Optionen offenhalten. Mit einem abgeschlossenen Studium stehen einem mehr Türen offen. Unter den Studieninteressierten gibt es auch welche, die mit ihrer aktuellen beruflichen Situation nicht zufrieden sind. Sie mussten häufig als Jugendliche ihre Berufswahl treffen – also in einem Lebensabschnitt, in dem viele keine Lust auf Schule haben. Mit Mitte 20 sind sie persönlich gereift und wollen beruflich mehr erreichen. Manche fühlen sich im Job auch einfach unterfordert, mit ihrer beruflichen Qualifikation ist aber nicht mehr möglich. 

Kommt auch von Seiten der Unternehmen oder – im Falle der DHBW –  der dualen Partner die Initiative, ihre jungen Mitarbeiter zum Studieren schicken?

Katja Eickert:  Ja, das kommt auch vor. Unternehmen schlagen denjenigen, die Potenzial für eine Leitungsfunktion haben, ein duales Studium vor. Man möchte gute Leute langfristig ans Unternehmen binden. Ein anderer Grund ist, dass der Kandidat Betriebsnachfolger werden soll, ihm dafür aber die notwendigen BWL-Grundkenntnisse fehlen.

Mit welchen vier Eigenschaften würden Sie beruflich Qualifizierte charakterisieren, die ohne reguläres Abitur den Studienweg einschlagen?

Katja Eickert: Ich würde sie als zielstrebig, selbstbewusst, engagiert und mit einer positiven Grundhaltung beschreiben.

Wie hoch sind die Chancen, dass sie ihre akademische Laufbahn erfolgreich meistern?

Katja Eickert: Sehr hoch. Ich kann natürlich nur für die DHBW Heilbronn sprechen, aber bei uns haben mit einer Ausnahme alle Studierenden ohne Abitur ihr Studium abgeschlossen. Ein Kandidat kam mit dem Gehalt als Dualstudent in seinem Betrieb „nicht klar“, wie er selbst sagte. Sie gehören zwar nicht zu denjenigen mit den allerbesten Abschlussnoten. Sie gehen aber das Studium systematisch und zielorientiert an. Deshalb bestehen sie oft erfolgreich.

 

Text: Sarah Arweiler, Fotos: privat