Kleide machen Leute - aber wer macht deine Kleider? | hochschulenhoch3

Kleider machen Leute – aber wer macht eigentlich deine Kleider?

18. Juni 2018 – Eine Jeans für 9,90 Euro – ein tolles Schnäppchen, könnte man meinen. Doch wie kann das funktionieren? Die Modeindustrie ist auf Massenkonsum ausgerichtet, die Produktion muss maximal effizient sein. Bei einem möglichst geringen Warenpreis müssen die Produktionskosten entlang der Wertschöpfungskette so weit wie möglich gedrückt werden. Die Folge: geringe Qualität der Kleidung. Menschen, die unter widrigsten Bedingungen zwölf Stunden und länger schuften und das Geld trotzdem nicht für Wohnung und Essen reicht. Verseuchte Böden durch den Einsatz giftiger Chemikalien, zum Beispiel auf den Baumwollfeldern. Das alles geschieht weit weg vom Verbraucher. Beim ihm hält das Teil häufig nur eine Saison, ehe die ersten Löcher entstehen oder die Farben verblassen. Kein Problem, dann fliegt es eben in die Tonne und wird durch ein neues, billiges ersetzt. Es kostet ja nicht viel. So funktioniert Fast-Fashion.

Unter welchen Bedingungen die Jeans für 9,90 Euro hergestellt wird, blenden wir aus. Wir wollen uns nicht die Freude über das scheinbare Schnäppchen verderben. Klar ist: Wenn wir uns über niedrige Preise freuen, zahlt wo anders jemand einen hohen Preis dafür. Die Realität tut manchmal weh.

Faire Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, nachhaltiger Anbau der Rohstoffe

Der Einzelne wird diese Problematik nicht ändern, aber jeder kann sein eigenes Verhalten hinterfragen. Wie ist mein Kaufverhalten? Was kann ich ändern? Fashion und Lifestyle gehen auch anders, nämlich nachhaltig und fair. Für die Modeindustrie bedeutet das: Ein intelligenter, zukunftsorientierter Anbau von Rohstoffen und faire Arbeitsbedingungen mit existenzsichernden Löhnen, keine Kinderarbeit oder Zwangsarbeit, mit ausreichendem Arbeitsschutz, fairen Arbeitsverträgen und der Verzicht auf gefährliche Chemikalien bei der Textilherstellung.

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Fairness in der Textilindustrie wächst allmählich. Heute kann man fast jeden Stil mit fairer Mode bedienen, in den vergangenen Jahren wurden immer mehr faire Modelabels gegründet. Sie setzten gezielt Rohstoffe aus fairem Handel ein und garantieren mit Siegeln und Zertifikaten soziale Mindeststandards über die komplette Produktionskette hinweg. All diese Faktoren haben ihren Preis. Eine nachhaltige und faire Jeans kann es nicht für 9,90 Euro geben. Kann man sich das als Studierende überhaupt leisten? Bärbel Sticher aus dem Eine-Welt-Laden am Heilbronner Marktplatz hat dazu eine klare Meinung: „Letztlich ist alles eine Frage der Priorität. Wie viele Studierende haben ein iPhone, iPad oder Macbook? Das, was man sich leisten will, leistet man sich auch.“

Von Fast-Fashion zu Slow-Fashion - unsere Handelsempfehlung

  • Setzte dich mit der Marke auseinander, die du kauft. Gibt es Gütesiegel? Was steckt dahinter? Ist das Kleidungsstück wirklich fair produziert?
  • Überdenke deine Kaufgewohnheiten: Was brauche ich wirklich?
  • Kaufe öfter mal in Secondhand-Läden. Das verlängert den Lebenszyklus der Kleidung, was die Ressourcen schont und die Sachen fliegen nicht so schnell in den Müll.
  • Gib deine aussortierten Klamotten in Secondhand-Läden oder Sozialkaufhäusern ab. Kleidung sollte keine Wegwerfware sein.
  • Kein Fast-Fashion: Der Kleiderschrank sollte kein Statussymbol sein. Nicht in Billigläden jedem Trend hinterherjagen und Klamotten im Überfluss kaufen. Besser wenige, dafür aber bewusst ausgewählte, hochwertige Basic-Teile von Fair-Fashion-Herstellern, die mit vielem kombinierbar sind.

Billige Arbeitskräfte

Im April 2013 stürzt eine Textilfabrik in Bangladesch ein, über 1000 Menschen sterben. Dieses Unglück war das bisher schwerste seiner Art des Landes. Große Modekonzerne weltweit zeigten sich betroffen über die vielen Toten, immerhin lassen sie fast alle in dem südasiatischen Land produzieren.

Das Unglück lenkte den Blick auf die verheerenden Arbeitsbedingungen, unter denen zigtausende Menschen täglich schuften. Brände in Textilfabriken kommen in Pakistan, Myanmar und Bangladesch immer wieder vor. Das muss sich ändern, war von Seiten der Modekonzerne zu hören. Hat sich in der Textilbranche ein Umdenken vollzogen?

„Nein“, sagt DHBW-Professor Carsten Kortum, Studiengangleiter BWL-Handel. „Der Einsturz 2013 war natürlich der Supergau, aber ähnliche Katastrophen können jeden Tag passieren.“ In der Textilbranche prallen zu viele gegenläufige Interessen aufeinander – ein Konflikt, der nicht zu lösen ist. Auf der einen Seite gebe es die Handelsfirmen wie H&M, C&A, Zara, Primark, Kik und Co., die wegen hohen Konkurrenzdrucks Produkte zu möglichst niedrigen Preisen anbieten. Das gehe zu Lasten der Arbeiter und der Umwelt. Auf der anderen Seite stehen Produktionsländer wie Pakistan, Bangladesch und Myanmar, die kein politisches Interesse an Verbesserungen in der Textilproduktion haben. Immerhin gebe es dort nicht nur Verlierer, sondern auch einige wenige Gewinner: die Produktionseliten. „In Bangladesch gibt es ein Gesetz, dass eine Erhöhung des Mindestlohns nur alle fünf Jahre zulässt. Darauf haben westliche Länder keinen Einfluss“, sagt Kortum. „Manche Produktionsstätten wandern ins Nachbarland Myanmar ab, wo noch billiger produziert werden kann. Die Vorstellung, man könne in diesen Ländern die Welt verbessern, ist unrealistisch.“

Was steckt hinter den Biolabels von C&A, H&M, Tchibo, Lidl und Co?

Fast jede große Modekette führt Biokollektionen. C&A sagt über sich selbst, sie seien der weltweit größte Einkäufer von Bio-Bbaumwolle. Simon Hollay, Geschäftsführer einer Kreativagentur in Heilbronn kritisiert: „Nirgendwo steht, wie hoch der Anteil der Biobaumwolle in den Bioshirts tatsächlich ist.“ Über die Produktionsbedingungen halten sich die großen Modekonzerne meist bedeckt, und auch die Ketten von Lieferanten und Subunternehmern sind lang und sehr undurchsichtig. Wie ernst ist es den Modeunternehmen mit Bio oder Eco-Fashion? Hollay ist sich sicher: „Ihnen geht es in erster Linie darum, Kunden zu binden, die darauf wert legen. Ich vermute, es geht ihnen nicht darum, die Welt verbessern zu wollen. Es ist reines Marketing.“ Die Bezeichnung „Bio“ sichert dabei aber nur den biologischen Anbau der Fasern. Sie sagt nichts darüber aus, wie die Faser weiterverarbeitet wird. Zudem sagt „Bio“ auch nichts darüber aus, unter welchen Arbeitsbedingungen die Menschen in den Textilfabriken produzieren.

Auf diese Siegel solltest du achten:

Fair Wear Foundation: Ein großes Plus ist es, wenn der Hersteller Mitglied in der Fair Wear Foundation ist. Diese Mulitstakeholder-Initiative hat das Ziel, die sozialen Bedingungen in der Textilindustrie zu verbessern, führt Kontrollen durch und berichtet transparent und regelmäßig über die Fortschritte seiner Mitgliedsunternehmen.

Fairtrade Siegel: Es kennzeichnet Waren, die aus fairem Handel stammen und bei deren Herstellung bestimmte soziale, ökologische und ökonomische Kriterien eingehalten wurden.

GOTS Global Organic Textile Standards: garantieren soziale Mindeststandards über die komplette Produktionskette hinweg. Das GOTS-Siegel ist vertrauenswürdig und relativ weit verbreitet.

Internationaler Verbands der Naturtextilwirtschaft (IVN): Das IVN-Siegel „Naturtextil best“ ist das mit den aktuell höchsten Ansprüchen. Hierfür müssen 100 % biologisch erzeugte Naturfasern eingesetzt werden. Das Chemikalienmanagement ist besonders streng geregelt. Der IVN geht auch bei den Sozialstandards um Einiges weiter als GOTS und garantiert unter anderem existenzsichernde Löhne für Anbau und Verarbeitung.

Nachhaltige Mode-Hersteller verwenden für ihr ganzes Sortiment fast ausschließlich Bio-Baumwolle und Naturfasern und achten auf Sozialstandards in der Produktion. Hier kannst du mit gutem Gewissen online shoppen:

www.armedangels.de

www.bleed-clothing.com

www.lanius.com

www.manomama.de

www.knowledgecottonapparel.com

www.kingsofindigo.com

www.greenality.de 

www.glore.de 

www.avocadostore.de

Du willst dich intensiver mit dem Thema beschäftigen: Hier findest du mehr: www.utopia.de

Text: Sarah Arweiler, Bilder: Adobe Fotolia, DHBW Heilbronn, privat