Sezieren an virtuellen Patienten an der Uni Heidelberg | hochschulenhoch3

Uni Heidelberg: Sezieren an virtuellen Körpern

24. Oktober 2018 — Auf den ersten Blick sieht der Anatomage-Tisch aus wie ein normaler schwarzer Tisch mit massivem Standbein. Doch er hat es in sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Medizinstudierende der Universität Heidelberg lernen an diesem Gerät ihre anatomischen Grundkenntnisse. Per Touchscreen auf der Oberfläche des Tisches kann aus drei lebensgroßen dreidimensionalen Darstellungen von Menschen ausgewählt werden, zwei Männer und eine Frau. Ihre Daten wurden aus computertomografischen Aufnahmen generiert. „Das sind echte Schnittpräparate, nur eben digitalisiert“, erklärt Kerstin Klopries, Tutorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut. Zu verdanken sind sie Körperspendern, also Menschen, die ihren Leichnam für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung gestellt haben. Studierende können die Körper auf dem virtuellen Seziertisch beliebig drehen, im Querschnitt anschauen, mit virtuellen Skalpellen Schnitte setzten, die Haut wegnehmen und sich Ebene für Ebene tiefer einarbeiten. Knochen, Organe, Gefäße und Muskelfasern sind farblich identisch mit denen lebender Menschen. Standardmäßig sind auch spannende Fallbeispiele wie Knochenbrüche, Kopfschüsse und Tumore abrufbar.

Seminar „Virtuelle Anatomie“ im ersten Semester

Wie sieht der Mensch von innen aus? Um diese Frage dreht es sich im ersten Semester des Medizinstudiums. Das Lehrformat „Virtuelle Anatomie“ am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Uni Heidelberg verbindet die klassische Lehre der Anatomie, also das Sezieren von Körpern, mit radiologischer Bildgebung. Das Konzept: Jeder Leichnam, der der Universität gespendet wurde, wird über einen Computertomographen (CT) gescannt. Im Präparationssaal gehört zu jedem der 20 Tische ein PC, zusätzlich gibt es zwei Anatomage-Tische. Die CT-Daten der Körper werden auf die PCs und die virtuellen Seziertische überspielt. Auf ihnen zeigen Tutoren anhand der 3D-Aufnahmen an der Demonstrationsleiche, worauf es bei der realen Präparation am Nebentisch ankommt. Sie können direkt zwischen CT-Aufnahme und der Situation im Körper vergleichen. Die Anatomage-Tische erlauben die Darstellung aller Körperspender in Originalgröße. Darin liegt der wichtigste Nutzen für die Dozenten.

Arbeiten wie im OP

Dass radiologische Bildgebungsverfahren in die Lehre eingebunden sind, ist keinesfalls Standard in der Medizinerausbildung. Gleiches gilt für die Arbeit mit virtuellen Seziertischen. Die Universität Heidelberg spricht über ihr Lehrformat von einem bundesweit einmaligen Konzept. Kerstin Klopries: „Unser Seminar ist sehr interaktiv, was den Studierenden richtig Spaß macht.“ Das Konzept bietet gleich mehrere Vorteile: Wenn zum Beispiel ein Organ durch die klassische Präparation entfernt wurde, lässt es sich digital immer wieder neu rekonstruieren. Wenn der Körper aufgrund einer vorherigen Krankheit von der üblichen Anatomie abweicht, zum Beispiel durch einen Tumor, ist das schon im Vorfeld durch den Scan bekannt. Diese Methode birgt auch einen weiteren, wertvollen Zusatznutzen: Die angehenden Ärzte werden vertraut mit radiologischen Aufnahmen, wie sie im medizinischen Alltag üblich sind. Um diese Aufnahmen zu verstehen, braucht es viel Übung. „Die einzelnen Bereiche im Körper unterscheiden sich durch verschiedene Grauabstufungen. Der ungeübte Betrachter wird auf den Bildern kaum einen Unterschied erkennen. Doch das Auge lässt sich darin gut trainieren.“ 

Werden virtuelle Körper die echten ersetzen?

Wenn auf den Anatomage-Tisch die Daten zig anderer Körperspender hochgeladen werden können – braucht es denn dann überhaupt noch die echten Leichen im Medizinstudium? „Auf jeden Fall“, ist sich Kerstin Klopries sicher. Die haptische Komponente werden die Tische niemals ersetzen können: Wie schwer ist die Leber tatsächlich, wie groß das Fassungsvermögen des Magens?

Nicht nur für angehende Ärzte, auch für die Ausbildung anderer medizinischer Berufsgruppen wie Physiotherapeuten und Pflegekräfte ist der Anatomage-Tisch wertvoll. Bei Anschaffungskosten zwischen 50.000 und 60.000 Euro pro Gerät wird das wohl eine Ausnahme bleiben. 

 

Text: Sarah Arweiler, Foto: Universitätsklinikum Heidelberg