Rapper Eko Fresh über seinen Song "Aber" | hochschulenhoch3

"Ich habe versucht, mich in beide Rollen hineinzuversetzten"

2. August 2018 – Den Zeitpunkt für die Veröffentlichung seines Songs „Aber“ hätte der Kölner Rapper Eko Fresh, bürgerlich Ekrem Bora, nicht besser wählen können: Einige Tage später kündigt Mesut Özil via Twitter seinen Rücktritt aus der deutschen Fußballnationalmannschaft an. Im Interview spricht Bora über Integration, Deutschtürken und Hass im Netz.

Im Song „Aber“ lassen Sie einen AfD-Anhänger und einen Erdogan-Fan Vorurteile austauschen. Er beginnt mit „Ich bin ja kein Nazi, aber“. Kann danach etwas Sinnvolles kommen?

Ekrem Bora: Wer sowas sagt, ist ja davon überzeugt. Ich habe nicht versucht, denjenigen als dumm darzustellen, sondern mich in beide Rollen hineinzuversetzen. Manche Argumente kann man zumindest nachvollziehen. Bei anderen Argumenten kann man sich nur an den Kopf fassen. Ich glaube, man muss die Leute ernst nehmen.

Im Netz wird oft lieber gehetzt statt ernsthaft diskutiert.

Bora: Ich glaube, das sieht man im Internet häufig. Postings fangen an mit „Ich bin ja kein Nazi, aber“, und dann wird losgelegt. Ich glaube, dass es in der Welt generell einen Schub nach rechts gibt, und, dass es salonfähiger geworden ist, rechtes Gedankengut zu vertreten.

Zur Person

Eko Fresh, der eigentlich Ekrem Bora heißt, wächst im Kölner Stadtteil Kalk auf. Die Eltern des heute 35-Jährigen haben türkische und kurdische Wurzeln, was Bora in Songs wie „Quotentürke“ aufnimmt. Schon mit 15 Jahren beginnt er mit dem Sprechgesang. Später schreibt er auch Texte für andere Künstler, etwa für Yvonne Catterfeld. Seine Alben tauchen immer wieder in den Charts auf, sein letztes Album erreicht Platz vier in Deutschland. Aufsehen erregt Eko Fresh 2004 mit seinem Song „Die Abrechnung“, in dem er bekannte Rapper der deutschen Szene verbal angreift.

Sie haben Eltern mit türkischen und kurdischen Wurzeln. Begegnen Ihnen die Vorurteile aus dem Song auch?

Bora: Bei mir kam der Beruf, mit dem ich in der Öffentlichkeit stehe, ziemlich früh. Wenn ich als Rapper unterwegs war, habe ich nie eine krasse Ablehnung gespürt. Aber als Kind habe ich schon gemerkt, dass meine Mutter länger brauchte bei der Wohnungssuche. Dennoch bin ich wohl ein positives Beispiel dafür, dass man das Blatt in Deutschland zum Positiven wenden kann. Dafür ist Deutschland eigentlich auch ein gutes Land.

Mesut Özil schrieb bei Twitter: „Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches.“ Können Sie das nachvollziehen?

Bora: In dem Punkt spricht er wohl vielen aus der Seele. Man kennt das ja: Der Alltag ist deutsch, zu Hause wird aber eventuell türkisch gesprochen. Oder man isst türkisches Essen. Es scheint Leute zu geben, in deren Brust zwei Herzen schlagen.

Ist es frustrierend, auf Ihre doppelte Identität reduziert zu werden?

Bora: Als Jugendlicher wurde ich wegen meiner Musik wahrgenommen. Als Erwachsener komme ich eigentlich nur noch in die Medien, wenn ich über meine Herkunft rappe. Dabei gäbe es neben meiner Herkunft viele Sachen, über die man reden könnte. Aber vielleicht ist es gar nicht übel, wenn ich derjenige bin, der über sowas rappt.

Hat es Sie überrascht, dass Ihr Song Teil der Özil-Debatte wird?

Bora: Ich konnte nicht wissen, dass er den Nerv der Zeit so sehr trifft. Durch den Özil-Rücktritt kam ein Schub, weil viele den Song damit verbunden haben. Viele haben mir geschrieben: „Das passt so gut rein.“ Die Leute teilen das, weil sie sich emotional betroffen fühlen.

Vielleicht teilen es auch Menschen, die sich nicht entscheiden wollen?

Bora: Es scheint im Moment in der Gesellschaft so zu sein, dass man nur zwischen den Extremen wählen kann. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass die extremen Sichtweisen am lautesten sind. Niemand schreibt im Internet: „Ich bin dazwischen“. Ich will sagen: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß.

Gab es Textzeilen, die Sie verworfen haben?

Bora: Ich habe den Schluss einmal geändert. Erst hatte ich eine Art Lösung parat. Dann dachte ich mir, dass das nicht mein Auftrag ist. Ich bin nicht Angela Merkel. Ich bin nur ein Künstler. Wer bin ich, den Leuten zu sagen, was sie machen sollen?

Sind Sie enttäuscht, dass wir noch immer über die Integration der Deutschtürken debattieren?

Bora: Ich bin ein Kind der 80er Jahre. Damals war es etwas Besonderes, dass die Gastarbeiter kommen. Aber wir haben 2018. Dass es jetzt nochmal zu einer Debatte kommt, das ist einfach bemerkenswert.

Gegen Ende rappen Sie: „Ich muss mich nicht entscheiden, ich muss nur ich selber sein.“ Wer sind Sie?

Bora: Dieses Gefühl der zwei Identitäten hatte ich immer positiv formuliert. Ich habe mir das Beste aus beiden Welten herausgesucht. Ich bin Deutschtürke. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Es steckt schon in dem Wort Deutschtürke. Also für was soll ich mich entscheiden, wenn nicht für das, was ich bin? Ich möchte den Menschen Mut machen, dass sie auch so eine Mischung selbstbewusst vertreten können.

 

Text: Christoph Donauer, Foto: dpa