Gastronomie: Heilsbringer der Fußgängerzonen | hochschulenhoch3

K.o. für viele Kneipen in der Heilbronner Fußgängerzone

Die Gastrobranche ist in Bewegung. Einige Kneipen und Clubs in Heilbronn haben geschlossen, andere stehen dicht davor oder suchen einen neuen Pächter. Dazu gehören Beichtstuhl, Rauers Weinstube, Rizzi, Cantina, Barfüßer, Mönchsee, Sharkey’s oder das ehemalige Moccafé (später Friends). Vor allem für Individualisten wird es schwieriger, Geld zu verdienen, sagt der Heilbronner Gastronomieexperte Thomas Aurich. 

In der Heilbronner Gastronomie gibt es Veränderungen. Geht es der Branche ähnlich wie dem Handel?

Thomas Aurich: Wir gehen den Weg des Einzelhandels. Individuelle Betriebe auf kleinen Flächen bekommen zunehmend Probleme, weil sie höhere Kosten haben als Systemgastronomen. Das Bierlokal an der Ecke wird es nicht mehr häufig geben. 

Durch das Marrahaus sind 1900 Quadratmeter neue Gastrofläche auf einmal gekommen. Haben wir zu viele Lokale in der Stadt?

Aurich: Viele Betriebe ringen um Gäste. Das Marrahaus ist jedoch ein Gottesgeschenk. Erst dadurch wurde die Neckarmeile komplett. Diese wird neben der Experimenta nach der Buga der einzige touristische Anziehungspunkt sein. Das Buga-Gelände wird 2020 ja Großbaustelle.

Neueröffnungen sind meist Systemgastronomen. Warum?

Aurich: Diese können ausgleichen, wenn ein Standort nicht so gut läuft. Und Vermieter haben die sichere Miete der Ketten im Fokus. Ich rechne damit, dass wir in 20 Jahren auch in Heilbronn 90 Prozent Systemgastronomie haben werden. Aber das ist nicht unbedingt das, was Gäste wünschen. Diese wollen eigentlich Individualität und nicht noch mehr Systembetriebe, sagen zumindest alle unsere Studien. 

Welche Rolle spielt die Gastronomie für die Heilbronner Innenstadt?

Aurich: Lokale können neue Laufwege und Frequenzen generieren. Gute Beispiele sind das Lehners am westlichen Rand der Innenstadt und das Alex im K 3. Einen positiven Effekt und eine Aufwertung für die Kaiserstraße erwarte ich mir vom neuen Parkhotel im Stadtgarten. Es wird Veranstaltungen und Tagungen nach Heilbronn holen, die wir bisher nicht hatten, und damit auch ein neues Publikum. Am südlichen Rand der Fußgängerzone beim Wollhaus fehlt aber ein gastronomischer Anziehungspunkt. 

Wird die Bedeutung von Gastronomie für den Handel unterschätzt?

Aurich: Wir sind beide voneinander abhängig, wir gelten aber inzwischen als die Heilsbringer der Fußgängerzonen. Es gibt Untersuchungen wonach sich Kunden beim Besuch eines Einkaufscenters immer stärker nach dem gastronomischen Angebot entscheiden, weil der Einzelhandel austauschbar ist. Das bedeutet, der Stellenwert der Gastronomie wächst. Kluge Einzelhändler haben sich bereits gastronomische Konzepte in ihre Läden geholt. 

Und was ist abends? Da sind die Läden geschlossen.

Aurich: Die Gastronomie und die Hotellerie sind prädestiniert, in der Heilbronner Innenstadt am Abend Frequenzen für das Sicherheitsgefühl zu schaffen. So müssen die wichtigsten Verbindungsachsen vitalisiert, sprich erneuert, werden. Die Turmstraße kann Hochschulströme ans K 3 bringen, und die Lohtorstraße Gäste in die Sülmerstraße. Deshalb bin ich auch der Ansicht, dass auf das Gerberareal ein Hotel hingehört und nicht ein neuer Rathausbau, der nur tagsüber ein Frequenzbringer wäre. 

Verändert sich das Ausgehverhalten?

Aurich: Für die Clubszene gilt: Die Gäste kommen später, gehen früher und trinken weniger. Auch Shisha-Bars haben einen substituierenden Effekt und ersetzen andere Lokale. Zum Beispiel wird aus der Osteria von Umberto in der Zehentgasse eine neue Shisha-Bar. 

Ist der Umzug der Osteria von der Innenstadt in den WTZ-Turm im Wohlgelegen ein neuer Trend?

Aurich: Es lässt sich gerade beobachten, das sich die Wanderungsbewegung der Gastronomie von den Randlagen in die Innenstadt wieder umkehrt. Ein Grund sind auch die hohen Mieten. Die können Gastronomen nur dann bezahlen, wenn sie auch entsprechend vom Einzelhandel profitieren. Wenn ich höre, dass Eigentümer in Drittlagen die Miete um 40 Prozent erhöhen, bin ich sprachlos. 

Wird die Gastronomie in der Heilbronner Innenstadt von der Bundesgartenschau etwas haben?

Aurich: Wir brauchen auch in der City Veranstaltungen während der Buga. Die Schau ist kein Selbstzweck, sondern ein Marketingtool für die Innenstadt, für die Gastronomie und den Handel. Auch deswegen zahlen wir Bürger für die Buga. 


Text: Bärbel Kistner, Foto: Archiv Heilbronner Stimme