Timo Wuerz: "Die Natur ist der beste Designer" | hochschulenhoch3

Timo Wuerz: "Die Natur ist der beste Designer"

5. November 2018 – In gerade mal fünf Minuten wirft Timo Wuerz mit schnellen Strichen einen Löwenkopf aufs Papier. Seit er denken kann, malt der 45-Jährige. Mit 14 hatte er seine erste Ausstellung, mit 20 veröffentlichte er sein erstes Buch. Jetzt hat der Niedernhaller mit Hauptwohnsitz in Hamburg sein neuestes Werk "The Art Of Wild And Free Animals" fertiggestellt. Es zeigt Wildtiere in fotorealistischer Darstellung. Im Interview spricht Wuerz über seine Seelenverwandschaft zu Tieren und sein Engagement für Naturschutz.

Was malen Sie lieber, Frauen oder Tiere?

Timo Wuerz: Ich bin bekannt für die drei Ts: Tiere, Titten, Totenköpfe. Einer hat neulich noch Tonträger ins Spiel gebracht, weil ich sehr viele Plattencover gemacht habe. Ich gebe aber zu, dass ich Tiere noch minimal lieber male als Brüste. Wenn ich eine Rangliste aufstellen müsste, stehen Tiere ganz oben.

Ist es dann auch so, dass Sie Tiere lieber mögen als Menschen?

Wuerz: Wie heißt es doch? Wer die Menschen kennt, liebt die Tiere. Ich mag Menschen, ich war aber immer schon auf der Seite der Natur. Man kann ja beides haben. Ich habe auch zwei Pumas in einem Reservat bei Los Angeles. Die können nicht ausgewildert werden. Deshalb sorge ich für sie und besuche sie immer, wenn ich in der Nähe bin. Dann bekommen die auch ein Steak von Papa. Ich will, dass es ihnen gut geht.

Wann haben Sie erkannt, welche zeichnerische Fähigkeiten Sie besitzen?

Wuerz: Wie jedes Kind mit eineinhalb Jahren bekommt man einen Stift in die Hand. Ich habe damals einen sehr naturalistisch aussehenden Clown gezeichnet und meine Eltern dachten: Was ziehen wir da groß? Und ich wurde seither nie wieder ohne Stift gesehen. Ich habe tatsächlich gezeichnet, bevor ich geredet habe. Das war für mich die natürlichste Art, mich auszudrücken. Deshalb hatte ich in der Schule auch immer Probleme mit Zeichenlehrern, die mir erklären wollten, wie ich zeichnen soll. Ab der siebten Klasse konnte ich meinen Lehrern sagen, wenn ihr das technisch könnt wie ich, können wir uns gerne weiter unterhalten. Bis dahin lasst mich einfach in Ruhe. Meine Lehrmeister waren Rembrandt und Tiepolo. Im Prinzip mache ich immer noch das Gleiche wie in der Schulzeit, nur dass ich vormittags nicht mehr zur Schule muss, was sehr praktisch ist.

Wie schaffen Sie es, diese Wildtiere so eindrucksvoll und realistisch darzustellen?

Wuerz: Viel Routine, viel Technik, aber vor allem ist mir das Subjekt wichtig. Mir geht es nicht darum, einen Klischeelöwen zu malen, sondern eine einzelne Persönlichkeit. Keine zwei Tiere sehen gleich aus. Deshalb versucht man sich, dieser Persönlichkeit zu nähern. Im Idealfall schaut man etwas an, was zurückschaut. Ich war im Sommer vor Vancouver-Island stundenlang auf dem Wasser unterwegs auf der Suche nach Blauwalen. Wale beobachten ist nur vollständig, wenn der Wal zurückschaut. Verhaltensforscher sagen, dass Wale klug sind und sogar Dialekte verstehen, einen Sinn für Geschichte haben. Und das bedeutet, Wale haben auch einen Sinn für ihr Dasein. Irgendwann zeichnet uns Menschen in der Schöpfung gar nichts mehr aus, außer einer unglaublichen Arroganz.

"Die Natur war schon immer mein wichtigster Lehrmeister und wird es auch immer sein", schreiben Sie in Ihrem Buch.

Wuerz: Das stimmt natürlich, aber das sagen viele. Für mich ist das eine absolute Wahrheit. Ich habe auch nie mit Anatomiebüchern gearbeitet, sondern mir immer die Anatomie angeschaut. Ich lerne doch viel besser von der Natur und nicht von irgendeinem Filter. Den künstlerischen Ausdruck kann man natürlich schätzen, aber ich muss meinen eigenen Weg finden und das geht nur, wenn ich mich der Quelle selbst zuwende.

Das Buch beschäftigt sich ausschließlich mit Tieren. Gab es dafür eine bestimmte Motivation, eine Idee?

Wuerz: Die Natur war schon immer mein Lehrer. Aber gerade Tierbilder male ich gerne groß und die passen oft nicht in ein Buch. Doch der Abschluss meiner Werkausgabe, die gerade erscheint, sollte auf jeden Fall ein Buch mit Tiergemälden sein. Und da die Welt in keinem so guten Zustand ist, sehe ich es als meine Verpflichtung an, etwas zu tun. Deshalb ist es ein ziemlich aktivistisches Buch geworden, in dem neben den Zeichnungen auch viele namhafte Naturschützer zu Wort kommen. Im Mittelpunkt steht aber immer meine Liebe zur Natur. Für mich ist auch in allem, was ich mache, Schönheit wichtig. Ich könnte heulen, wenn ich die geschändete Natur sehe.

Das sehen aber viele so.

Wuerz: Ja, aber ich arbeite im Filmdesign, habe für Star Wars gemalt und jedes Mal, wenn ich Naturfilme sehe, denke ich, die Natur ist doch der beste Designer, den man sich vorstellen kann. Dagegen sind wir Profidesigner blutige Anfänger. Das zu zeigen, ist deshalb auch das Schönste. Die Liebe zur Natur steht im Vordergrund, aber auch die Notwendigkeit, sie zu bewahren und zu schützen. Das ist sicherlich in dieser durchfinanzierten und ökonomisierten Welt ins Hintertreffen geraten. Am Smartphone hängt nicht unser Leben, aber an der Natur schon. Deswegen werde ich schreien und zetern und malen. Und ich bin froh, dass ich für das Buch solche namhaften Unterstützer wie die Fotografen Katarina Benzova und Chris Jordan sowie den Pulitzer-Preisträger Professor Edward O. Wilson gefunden habe.

Ist Zeichnen für Sie eigentlich eher Beruf oder eher Hobby?

Wuerz: Das Schöne ist: Es gibt nichts, was mich mehr entspannt als meine Arbeit. Stressen tun eigentlich nur irgendwelche Nebenerscheinungen wie Dinge, die nicht funktionieren oder schwierige Filmproduzenten. Und das Schöne ist, ich kann alle meine Interessen umsetzen. Ich mache das meiste für Geld, aber nie etwas wegen Geld. Ich weigere mich, für die klassische Werbeagentur zu arbeiten, und lehne auch einen Haufen Kunden ab, hinter denen ich nicht stehen kann. Ich hatte als Kind eine Iron-Maiden-Platte und habe später hunderte Plattencover gemacht. Ich habe Batman, der mir als Kind gefallen hat, gezeichnet und für Star Wars gearbeitet. Ich hätte Spaß an vielem, aber an nichts habe ich mehr Spaß, als an dem, was ich mache. Ich kriege in meine Arbeit alle meine Hobbys rein. Ich reise den Walen hinterher, bin mit Geparden in Afrika unterwegs. Ich gestalte Luxusautos, also was gibt es Cooleres?

Das heißt, Sie sind ein sehr glücklicher Mensch?

Wuerz: Man muss sich öfters daran erinnern: Ja! Ich ruhe tatsächlich ziemlich in mir selbst und komme tatsächlich gut mit mir klar. Ich kenne natürlich alle meine Macken, die ich habe. Ich bin fürchterlich stur zum Beispiel. Aber ich mache meist, was ich will, habe ziemlich wenig Stress, darf mich für Dinge einsetzen, die mir wichtig sind wie die Natur. Das klingt platt, aber was gibt es Besseres?

Timo Wuerz

Timo Wuerz ist am 7. April 1973 in Schwäbisch Hall geboren, in Niedernhall aufgewachsen und wohnt heute in Hamburg. Er gestaltet Filmplakate, CDs und Bücher. Seine Arbeiten sind in internationalen Galerien und Museen zu sehen. Derzeit erscheint seine neunbändige Werkausgabe. Wuerz beteiligt sich an Projekten für Nachhaltigkeit, Natur- und Artenschutz. Sein Werk „The Art Of Wild And Free Animals“ (240 Seiten, deutsch/englisch) erscheint am 12. November im Tokyopop Verlag. 

 

Text: Thomas Zimmermann, Foto: Mario Berger