Humor gegen Hass: Lesung von Journalist Hasnain Kazim | hochschulenhoch3

Humor gegen Hass: Spiegel-Journalist Hasnain Kazim hält Lesung in Heilbronn

14. September 2018 – Die Beleidigungen sind massiv: „Drecksmoslem“, „Kamelficker“ oder „Du bist kein richtiger Deutscher!“. Viele Menschen wollen Hasnain Kazim „in den Gasofen schicken“ oder „am Galgen baumeln“ sehen. Nahezu täglich bekommt der „Spiegel“-Korrespondent mit indisch-pakistanischen Wurzeln Mails, gespickt mit rassistischen Vorurteilen. „In der Regel kommen diese Nachrichten zwischen 22 Uhr und vier Uhr morgens“, erklärt Kazim.

Hatern auf Mails antworten

Am Mittwochabend begann der Journalist, der knapp sechs Jahre bei der Heilbronner Stimme gearbeitet hat, im Osiander Heilbronn seine zehntägige Lesereise durch Deutschland. Mit dabei hatte der 43-Jährige sein Buch „Post von Karlheinz“, in dem er seine Antworten auf hasserfüllte Leserpost dokumentiert hat. Moderiert wurde die Veranstaltung von Stimme-Redakteur Jens Dierolf.

Kazim lebt inzwischen in Wien. Er positioniert sich, privat und beruflich, klar gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Anstatt die drohenden Nachrichten einfach wegzuklicken, beschließt er Anfang 2016, den Menschen zu antworten. Die daraus entstandenen Dialoge sind mal ernst, mal zynisch, oft gespickt mit beißendem Humor und Ironie. So antwortet Kazim auf eine „Fick dich doch“-Nachricht mit einem „Fick dich doch selbst“, um in der nächsten Antwort mit der Frage „Das ist also Ihr Niveau?“ konfrontiert zu werden. Bis Januar 2018 hat Kazim insgesamt 854 Gespräche gesammelt – 52 haben es am Ende ins Buch geschafft.

Zur Hassfigur geworden

In zahlreichen rechten Internetforen ist der Journalist durch seine oft kontroversen Äußerungen zur Hassfigur geworden – betitelt als „der Islamist vom ,Spiegel’“. Dabei ist Kazim kein Muslim. „Ich habe islamische Wurzeln, bin aber protestantisch-evangelisch erzogen worden, getauft, konfirmiert und inzwischen konfessionslos“, so der gebürtige Oldenburger. Als Korrespondent in Pakistan und der Türkei habe er „auch islamistische Gesellschaften kritisch durchleuchtet“.

Hassbriefe bekommt Kazim seit seinem 17. Lebensjahr. Anfang der 90er Jahre noch per Post, als er als Schüler einen ersten Kommentar für „Die Welt“ schreibt. „Durch das Internet, Mails und die sozialen Medien wurden die Nachrichten deutlich mehr.“ Für Kazim sind Alltagsrassismus und Hass kein neues Phänomen. „Es bricht sich jetzt öfter Bahn, weil es neue Wege gibt.“

Nicht in Opferrolle bleiben

Hat er das Gefühl, mit seinen Antworten etwas zu erreichen? „Ja, oft bewirkt es, dass Menschen nachdenken. Auch mir hilft es. Ich bin nicht mehr nur Opfer, ich wehre mich.“ Seit der Buchveröffentlichung im April haben die Nachrichten nachgelassen, nach den Vorfällen in Chemnitz und Köthen kommen sie wieder öfter. Auch weil Kazim bewusst aneckt. „Ich schreibe gerne über AfD, Pegida und die Flüchtlingsthematik. Deshalb provoziere ich solche Reaktionen auch in gewisser Weise.“

Ein zweites Buch möchte Kazim nicht veröffentlichen. Seinen Mund will er aber auch in Zukunft nicht halten. „Alltagsrassismus darf nicht ignoriert werden. Sonst glauben die Menschen bald wieder, dass das in Ordnung ist.“

Zur Person

Hasnain Kazim wird 1974 in Oldenburg geboren und wächst in Hollern-Twielenfleth im Alten Land auf. Sein Vater war Seemann, seine Mutter arbeitete als Übersetzerin. 1994 trat Kazim als Offizieranwärter in die Deutsche Marine ein, studierte an der Universität der Bundeswehr Hamburg Politikwissenschaft. Nach seinem Volontariat bei der Heilbronner Stimme arbeitete er dort bis 2006 als Politikredakteur. Anschließend war er als Redakteur bei „Spiegel Online“ und mehrere Jahre als Südasien- und Türkeikorrespondent für den „Spiegel“ tätig. Seit 2016 arbeitet er als Korrespondent in Wien. Im Jahr 2009 wurde er mit dem CNN Journalist Award ausgezeichnet.

Text: Ranjo Doering, Foto: Andreas Veigel