Chemie-Studentin aus Heilbronn forscht an Botox-Taxi | hochschulenhoch3

Chemie-Studentin aus Heilbronn forscht an Botox-Taxi

16. Otober 2018 – Andere Studenten nutzen die vorlesungsfreie Zeit, um zu verreisen. Christina Breitenstein nimmt stattdessen lieber an einem internationalen Wettbewerb für Nachwuchswissenschaftler teil – und hat diesen Sommer deswegen viel Zeit im Labor verbracht. Das Forschungsobjekt der 21 Jahre alten Heilbronnerin ist vor allem als Faltenkiller und Nervengift bekannt. Sein Name: Botulinumtoxin, oder kurz: Botox.

Zusammen mit rund 20 weiteren Studenten der Uni Tübingen versucht die angehende Chemikerin, eine detoxifizierte, also entgiftete Variante des Proteins zu einer Art Taxi umzufunktionieren, um damit andere Komponenten, wie zum Beispiel Medikamente oder fluoreszierende Proteine, gezielt in Nervenzellen zu transportieren. Dort sollen diese dann im Idealfall Krankheiten des Nervensystems wirksamer bekämpfen oder bestimmte Areale sichtbar machen.

„Wir haben uns selbst dieses Ziel gesetzt, und jeder Schritt wird von uns selbst durchgeführt“, sagt Christina Breitenstein. Seit Januar widmet sich das Tübinger Team diesem Projekt – während des Semesters nebenbei zu den Vorlesungen und Seminaren, in den Semesterferien als Vollzeitjob. Dabei setzt sich die Gruppe nicht nur aus Chemiestudenten zusammen, auch angehende Biologen, Mediziner, Informatiker, Biochemiker, Nanowissenschaftler oder Anglisten machen mit. Letztere übersetzen beispielsweise die Dokumentation der Experimente ins Englische. Die Nachwuchswissenschaftler kümmern sich dabei um alles, was zu einem Forschungsprojekt eben dazugehört – also auch die Öffentlichkeitsarbeit oder das Fundraising. Denn: „Jede Pipette muss finanziert sein“, erklärt Christina Breitenstein. Allein 4500 Dollar beträgt die Anmeldegebühr für den internationalen synthetisch-biologischen Wettbewerb namens iGem. Finanziell und personell unterstützt wird das Team vom Rektorat, der Bioinformatik, dem Interfakultären Institut für Biochemie sowie der Pharmazie der Uni Tübingen.

Über den Tellerrand schauen

Am Ende des Wettbewerbs winkt übrigens eine Urkunde, statt eines satten Geldpreises. „Aber dafür würde man das auch nicht machen“, sagt die Heilbronnerin. Sie findet es faszinierend, bereits im sechsten Semester wissenschaftlich zu arbeiten, dabei neue Kontakte zu knüpfen und über den Tellerrand zu schauen. Im Chemiestudium gehe es nämlich vor allem darum, sich das Handwerk anzueignen, erklärt die Studentin. „Ich mache im Labor etwas unter genauer Anleitung, was schon hunderte Menschen vor mir gemacht haben, und am Ende des Tages wird mein Produkt weggeschmissen“, beschreibt die 21-Jährige ihren Alltag.

Dass die Studenten bei diesem Wettbewerb frühzeitig mit der Forschung in Kontakt kommen, sich dazu ein eigenes Projekt ausdenken und dieses über verschiedene Fachbereiche hinweg bearbeiten, findet auch Juniorprofessor Dr. Leonard Kaysser spannend. „Ich bin sehr happy, wie sie vorangekommen sind und vor allem auch verschiedene Hürden und Probleme, die aufgetreten sind, gemeistert haben“, lobt der Tübinger Teambetreuer die Teilnehmer.

Die Zeit wird knapp

„Wir sind an einer sehr chemischen Stelle gescheitert“, erzählt Christina Breitenstein. Ihre Aufgabe bestand darin, eine Brücke zwischen dem Botox und einem bestimmten Medikament, einem sogenannten Natriumkanalblocker, der gegen Alzheimer und Epilepsie eingesetzt wird, zu bauen. „Das hat nicht so ganz funktioniert. Theoretisch könnte man es wahrscheinlich anders machen, dafür fehlt aber jetzt auch einfach die Zeit“, sagt die Heilbronnerin. Denn schon Mitte Oktober muss die Gruppe mit allen Experimenten sowie deren Dokumentation fertig sein. Ehe die Ergebnisse dann in einem wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht werden, geht es für einen Teil der Gruppe zu einer Abschlusskonferenz in die USA nach Boston. „Wenn man am Ende eine Urkunde haben will, muss mindestens einer pro Team dorthin“, erklärt Christina Breitenstein. Vor einer Jury werden die Tübinger ihr Projekt präsentieren und Fragen beantworten.

iGem

An der International Genetically Engineered Machine Competition, kurz: iGem, nehmen 2018 laut Veranstalter 310 Teams aus über 40 Ländern teil. Hauptsitz der iGem-Stiftung ist Cambridge, Massachusetts, USA. Zum ersten Mal hat der synthetisch-biologische Wettbewerb im Januar 2003 stattgefunden. Damals handelte es sich um einen einmonatigen Kurs, bei dem es darum ging, Zellen zum Blinken zu bringen. Heute richtet sich iGem an Universitäts- und High-School-Studenten, die neuartige biologische Systemekreieren sollen.

Text: Christoph Feil, Foto: Adobe Stock / privat