Ein Semster in Kuala Lumpur | hochschulenhoch3

Ein Semester in Kuala Lumpur

3. April 2018 – Charlotte Haug möchte weit weg. Sie entscheidet sich gemeinsam mit Kommilitonin Franziska für Malaysia in Südostasien. In dem muslimischen Land leben neben Malayen auch Chinesen und Inder.

Noch vor Abreise ploppt das erste Problem auf: Wann beginnt an der Partneruni Management and Science University (MSU) das Semester? Das genaue Datum ist nicht bekannt. Auf gut Glück steigen die beiden im August 2017 ins Flugzeug. Der Zeitpunkt wird schon passen. Der Plan geht auf: An der Uni angekommen, bleiben noch einige Wochen bis zum Semesterstart. Genug Zeit also, um noch ein Zimmer zu suchen und sich mit Land und Leuten vertraut zu machen.

Eine große Familie – der studentische Alltag

Wie ist der studentische Alltag in Malaysia? An der MSU läuft nahezu nichts so, wie es Charlotte von der Hochschule Heilbronn kennt. Die meisten Studierenden sind muslimische Malayen. Über Lautsprecher an der gesamten Uni kündigen Gebetsinger die Gebetszeiten an. Vorlesungen und Seminare werden dann kurz unterbrochen, für einen Moment herrscht Stille, danach geht es weiter. Die einzelnen Unterrichtseinheiten sind deutlich kürzer, als es Charlotte aus Deutschland kennt. „Wenn um 15 Uhr das Seminar beginnt und du pünktlich bist, wirst du der Einzige sein. Der Dozent kommt erst zehn Minuten später, die ersten Kommilitonen wieder etwas später“, erzählt Charlotte. „Oft wird auch früher aufgehört. Wenn dann noch eine Gebetsunterbrechung ist, hat man effektiv vielleicht 15 Minuten Unterricht gehabt.“

Was der Heilbronnerin gleich auffällt: Jeder Kurs versteht sich als eine große Familie. „Die Leute kennen sich untereinander gut. Jeder sorgt sich füreinander, man wird oft gefragt, ob alles in Ordnung ist. Das ist eine ehrliche Fürsorge. Trotzdem hat es mich anfangs irritiert.“ Bei den Dozenten ist es ähnlich. „Einmal hat mich der Lehrer während des Seminars gefragt: Charlotte, hast du gut geschlafen? Ich dachte zuerst, ich bin im falschen Film. Später wusste ich, es ist normal.“ Doch Charlotte merkt, dass sie als International nicht so recht zur Community dazugehört. Speziell bei muslimischen Studentinnen ist es schwierig, privat Kontakte zu knüpfen. „Die Mädels sind zwar neugierig, aber nicht besonders offen mir gegenüber. In diesen Situationen merkt man die kulturellen Unterschiede.“

Probleme lösen sich in Luft auf

Sich selbst einen Semesterplan erstellen, Abgabetermine im Auge behalten, sich seine Unterlagen zusammensuchen, kurz: sich als Studierender selbst organisieren – das ist an der MSU nicht notwendig. Der Dozent übernimmt das für alle. Das Studium fühlt sich wie Schule an. Es wird fast nur in Gruppen gearbeitet, die Gemeinschaft zählt, sie zieht alle mit. Der Ehrgeiz oder die Leistung des Einzelnen ist nicht wichtig.

Was Charlotte überrascht: Mit Leuten zu reden, kann schnell so manches Problem lösen – mit festgelegten Terminen wird an der Uni recht flexibel umgegangen. „Prüfungen für den gesamten Kurs wurden spontan um eine Woche vorverlegt, damit wir unsere Flüge nicht verpassen.“  

Burka und Hotpants

Charlotte erlebt die Menschen in Malaysia als offen und tolerant gegenüber anderen Religionen – immerhin existieren im Land viele verschiedene Religionen nebeneinander. Im Bus in Kuala Lumpur betrachtet die Studentin eine Frau mit Burka, die neben einer Japanerin in Hotpants und bauchfreiem Top steht. Charlotte: „Es wird einfach akzeptiert, dass es so ist. Sie werden aber nie befreundet sein.“

Sich mit drei weiteren Studierenden ein Zimmer im Wohnheim zu teilen – was für malaysische Studierende normal ist – darauf wollen sich Charlotte und Franziska nicht einlassen. Ein Stück Privatsphäre ist ihr wichtig. Statt dem Wohnheim wird ihr zu einem Zimmer in einem Hochhaus in Kuala Lumpur geraten. „Dort gab es aber kaum Kommilitonen von unserer Uni, für sie ist es dort zu teuer. Dafür wohnten Franziska ich Tür an Tür mit anderen Internationals von anderen Unis. Sie kamen aus dem Oman, dem Jemen oder aus Afrika.“ Mit ihnen verbringt Charlotte viel Zeit. Von zu Hause weg zu sein, verbindet. 

Eindrücke, die bleiben

Zurück in Deutschland denkt Charlotte viel über ihre Zeit in Malaysia nach. Das Leben in Südostasien ist ein ganz anderes, als sie es von Daheim kennt. Mit vielen Gepflogenheiten kann sie sich arrangieren. Aber kann sie sich auch vorstellen, dort zu leben? „So sehr ich es genossen habe, dort zu sein – leben könnte ich nicht in Malaysia. Ich brauche Strukturen, Verlässlichkeit und ich will zeigen, was ich kann. So sind wir Europäer und auch die Amerikaner. Aber die Hälfte der Erde funktioniert anders. Das vergessen wir oft.“

 

Text: Sarah Arweiler, Fotos: privat