Ritalin: Lernrausch mit Nebenwirkungen | hochschulenhoch3

Lernrausch mit Nebenwirkungen

15. Dezember 2017 – Verdammt. Noch zehn Tage, ehe es mit den Prüfungen los geht. Wo sind die vergangen Wochen geblieben? Fort. Ich habe so gut wie nichts gelernt. Jetzt muss ich Vollgas geben, Tag und Nacht, aus der knappen Zeit noch so viel raus holen, wie nur möglich.

Viele Studierende kennen das. In ihrer Verzweiflung greift manch einer zu Ritalin, einer Art Gehirndoping. Die Hoffnung: keine Ablenkungen mehr, keine Pausen. Lernen wie eine Maschine. Der Heilbronner Student Chan* hat die Tabletten genommen. Uns erzählt er von seinen Erfahrungen.

*Name von der Redaktion geändert

 

Ritalin ist verschreibungspflichtig. Wie bist Du an das Medikament gekommen?

Chan: Das Zeug geht bei uns im Studiengang rum. Da sind welche, die es vom Arzt verschrieben bekommen. Sie sagen, sie hätten Probleme beim Lernen. Dann geben sie es an andere weiter.

Und? Bringt es was?

Chan: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ich habe es nur für Lernfächer genommen, fürs bessere Verständnis bringt es gar nichts. Ich lasse mich nicht so leicht ablenken, zum Beispiel schaue ich nicht ständig aufs Handy. Ich kann mich besser auf das konzentrieren, was ich machen will. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil ich es ja genommen habe und es so erwarte. Vielleicht bilde ich mir die Wirkung nur ein. Viele denken, es ist nur ein Placebo. Wenn ich nichts nehme, merke ich keinen Unterschied.

Wie oft nimmst Du es?

Chan: Nur vereinzelt mal eine Tablette. Um wirklich einen Unterschied zu merken, müsste man es täglich während der gesamten Lernphase nehmen. Das mache ich nicht. Das ist mir zu riskant.

Merkst Du denn auch Nebenwirkungen?

Chan: Ich bekomme Kopfschmerzen und presse ständig meine Zähne aufeinander, was ich sonst nicht tue. Davon bekomme ich Zahnschmerzen. Außerdem werde ich sehr müde und schlapp.

Wie ist es bei Deinen Kommilitonen?

Chan: Was ich so mitbekomme, ist die Einnahme bei den meisten nur Kopfsache. Sie sehen, dass sie 30 Seiten zu lernen haben und denken gleich: Ich brauche Ritalin, ohne schaffe ich es nicht. Oder sie sagen: Ich habe eine Ritalintablette genommen, jetzt muss ich lernen. Brauchst dich also nicht zu melden.

Wenn Du dir nicht sicher bist, ob es überhaupt einen Effekt hat – nimmst Du es denn wieder?

Chan: Nein, ich brauche das nicht. Ich glaube nicht, dass es was bringt.

Gefährlicher Teufelskreis

Der Psychologe Volker Kreß warnt ausdrücklich vor der Einnahme des Medikaments: „Die Gefahr liegt nicht in der körperlichen Abhängigkeit, sondern in der psychischen. Viele glauben, sie können nur noch durch Ritalin ihre Prüfungen bestehen. Es entsteht ein Teufelskreis.“ Kreß arbeitet in einem Team von Psychologen der Psychosozialen Beratung für Studierende (PBS) des Studierendenwerks Heidelberg. Er betreut die Außenstelle Heilbronn am Campus Sontheim. Die Beratung ist kostenlos, die Finanzierung läuft über das Studierendenwerk Heidelberg. Die Psychologen der PBS sind an die ärztliche Schweigepflicht gebunden.

Ritalin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Der Wirkstoff Methylphenidat blockiert im Gehirn den Abtransport des Botenstoffs Dopamin. Dopamin bewirkt eine längere Konzentrationsfähigkeit, das Gehirn ist aktiver. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang: Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Nervosität, Appetitlosigkeit und Magenbeschwerden. Bei einer länger andauernden Überdosierung können Panikattacken, Schwindel, Wahnvorstellungen und Halluzinationen auftreten.

Text: Sarah Arweiler, Foto: Stock Adobe