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Kollektiv statt Chef

12. April 2017 – Ein Getränkehersteller, der ganz ohne Geschäftsführer auskommt. Bei Entscheidungen können alle mitbestimmen. Werbung – gibt  es nicht, weil zu manipulativ. Das sind tolle Ideale, aber funktioniert das auch? Ja. Seit 15 Jahren verfolgt Premium Cola erfolgreich dieses Modell. Beim letzten GenSity-Vortrag an der DHBW Heilbronn erzählte Gebietsbetreuer Gregor May den Studierenden, wie die Idee für dieses Konzept entstand. Hochschulenhoch3 wollte von ihm wissen, wie bei Premium Cola gearbeitet wird. 

 

Hochschulenhoch3: Was ist bei Premium Cola anders als in anderen Betrieben?

Gregor May: Der größte Unterschied: Premium Cola möchte kein Betrieb sein, Kollektiv trifft es besser. Wir haben uns Leitsätze gesetzt, an denen wir uns orientieren. Danach schauen wir, wie viel „Betrieb“ noch möglich ist. Bei uns sind also die Prioritäten umgekehrt. Unser wichtigster Leitsatz: Alles hängt mit allem zusammen – es kann nicht einer allein über die Geschicke bei Premium Cola bestimmen. Entscheidungen treffen wir im Konsens des Kollektivs.

Hochschulenhoch3: Wer gehört alles zum Kollektiv?

Gregor May: Alle, die am Prozess beteiligt sind, also Händler, Gastronomen, Abfüller, Spediteure und Konsumenten. Von ihnen darf sich grundsätzlich jeder an Entscheidungen beteiligen, wenn er zum Entscheidungskollektiv gehört. Dafür ist ein persönlicher Kontakt zu mindestens einem anderen Kollektivisten notwendig. Zum Entscheidungskollektiv gehören circa 120 Personen.

Hochschulenhoch3: Um welche Entscheidungen handelt es sich?

Gregor May: Zum Beispiel wenn es um eine transparente Preisgestaltung geht oder um die Einführung von Einheitslöhnen. Viele Neuerungen bei Premium Cola wie veganer Etikettenkleber  oder eine CO2-freie Produktion sind Ideen der Kunden aus dem Premium-Kollektiv.

Hochschulenhoch3: Wie läuft sowas konkret ab?

Gregor May: Am Anfang steht ein Problem, das geklärt werden muss. In einem Onlineforum diskutieren alle Beteiligten die Frage: „Was braucht ihr, damit es funktioniert?“ Jede Diskussion endet in einem Beschlussvorschlag. Darauf folgt das Konsensverfahren: Das nennen wir „Vier plus eine Haltung“. Die ersten vier Haltungen: 1. Volle Zustimmung, 2. kleinere Bedenken mit Änderungsbedarf, 3. große Bedenken mit Änderungsbedarf, 4. Nicht mittragen, aber auch nicht blockieren. Die fünfte Haltung ist ein Veto, das jeder einlegen kann. Es ist nicht möglich Entscheidungen durchzusetzen, die nicht alle mittragen.

Hochschulenhoch3: Glauben Sie, dass Ihr Konzept auch auf andere Branchen übertragbar ist?

Gregor May: Nicht alles, weil nicht jede Branche wie die Getränkebranche funktioniert. Sicher aber Teile davon. Hin und wieder befragen uns Leute aus der Wirtschaft zu der Art, wie wir Probleme lösen.

Hochschulenhoch3: Betriebsentscheidungen, die im Konsens des Kollektiv getroffen werden – aus Sicht von BWL-Professoren sicher interessant.

Gregor May: Stimmt, wir sind auch schon in der BWL-Lehre angekommen. Über 90 wissenschaftliche Arbeiten wurden über uns geschrieben. Viele beschäftigen sich mit der Frage, warum unser Modell der Mitbestimmung für alle funktioniert. Ein BWL-Professor von der HTW Berlin hat es in seine Organisationsvorlesung aufgenommen, ein anderer von der TU Berlin behandelt  es in seiner Vorlesung zum nachhaltigen Management.

 

Text: Sarah Arweiler, Foto: privat, Facebook-Seite Premium Cola

Zur Person

Gregor May, 29, ist seit 2013 bei Premium Cola. Er ist als Gebiets- und Kundenbetreuer tätig, zusätzlich leitet er Workshops in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zuvor arbeitete der gelernte Archivar als Sozialarbeiter in Amsterdam.