Deutliche Auswirkungen der Studiengebühren | hochschulenhoch3

Auswirkungen der Studiengebühren zeigen sich deutlich

13. Dezember 2017 – Die neuen Gebühren für international Studierende haben zu einem Einbruch bei den Einschreibungen an den baden-württembergischen Hochschulen und Universitäten geführt. Im laufenden Wintersemester haben sich 5155 Studenten aus Nicht-EU-Staaten neu immatrikuliert, 21,6 Prozent weniger als vor einem Jahr. An der Hochschule Heilbronn haben sich im Wintersemester 2016/17 98 international Studierende eingeschrieben, im laufenden Semester waren es nur noch 64.

Reaktionen aus der Landespolitik

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) bewertet das als „moderaten Rückgang“. Ähnlich sei die Entwicklung zuvor auch in anderen Staaten verlaufen, die für Ausländer Studiengebühren eingeführt haben. Nach drei bis vier Jahren sei dort das alte Niveau wieder erreicht worden. Grünen-Regierungschef Winfried Kretschmann verteidigt das Gebührenmodell vehement. „Es ist vernünftig“, betont der Ministerpräsident. Er sei überzeugt, dass „die Attraktivität Baden-Württembergs als Studienziel ungebrochen ist“. Die nur bei Ausländern aus Nicht-EU-Staaten erhobene Gebühr von 1500 Euro je Semester sei „moderat und sozial verträglich“. Es seien ja nicht die Ärmsten, die zum Studium nach Deutschland kämen. Und für Bedürftige gebe es Stipendien.

Ruth Fleuchaus, Prorektorin für Internationales und Diversität an der Hochschule Heilbronn, widerspricht dem Ministerpräsidenten vehement. „Die oft genannten Stipendien der BW-Stiftung gelten nur für Austauschstudierende für ein Semester. Bei den Gebühren greifen sie für Studierende aus ärmeren Ländern nicht.“ Hier brauche es Vollzeitstipendien. Die Hochschule hat eine Anfrage ans Wissenschaftsministerium gestellt, ob diese eingeführt würden. Bisher sei nichts bekannt.

Hochschule Heilbronn fürchtet Folgen für die regionale Wirtschaft

Noch sind nicht alle Einschreibungen abgeschlossen – Ruth Fleuchaus rechnet an ihrer Hochschule mit noch stärkeren Einbußen. Sie ist sich sicher: Der Rückgang erkläre sich über die Herkunft der Studierenden. „Wir haben viele Kameruner bei uns. Sie waren bisher unsere größte Gemeinde. Die können sich ein Studium bei uns nicht mehr leisten. Das dürfte bei anderen Hochschulen auch so sein. Die Armen, meist aus Schwarzafrika, werden wir verlieren.“ Technische Studiengänge seien speziell bei diesen ausländischen Studierenden beliebt. „Die gehen einfach in Bundesländer, wo sie keine Gebühren zahlen. Auf diese Weise verliert die regionale Wirtschaft dringend gesuchte Experten.“

Grüne unter Druck

Die Grünen-Regierungsmannschaft steht unter Druck der eigenen Partei. Die Grüne Jugend fordert in einem Antrag für den Parteitag am Wochenende in Heidenheim die Abschaffung der Studiengebühr. Durch die finanzielle Beteiligung werde „Bildungsungleichheit zementiert“, heißt es in dem Papier. Kretschmann hebt dagegen hervor, dass ein Teil des Geldes in die bessere Betreuung der ausländischen Studierenden fließe: „Damit wird Baden-Württemberg langfristig eine noch stärkere Anziehung entfalten.“

HochschulZahlen im Vergleich

Die vom Wissenschaftsministerium erhobenen Zahlen weisen Unterschiede für die einzelnen Hochschulen auf. Die Kunst- und Musikhochschulen können bisher das Vorjahresniveau halten. Die Musikhochschule Mannheim meldet sogar ein Plus von 10,6 Prozent bei den Studierenden aus Nicht-EU-Staaten. Sie ist jedoch eine Ausnahme. Die Einschreibungen der Ausländer in Trossingen sind um 34,5 Prozent zurückgegangen.

Eine erhebliche Schwankungsbreite ergibt sich bei den Hochschulen für angewandte Wissenschaften: Mannheim hat ein Minus von knapp 10 Prozent, Konstanz von 21 und Heilbronn sogar von 35 Prozent. „Offenbar spielen hochschulspezifische Gründe - von der Gestaltung des Zulassungsverfahrens bis zum konkreten Studienangebot - eine nicht zu unterschätzende Rolle“, glaubt Bauer. Es gebe kein Muster, das die Unterschiede erkläre. Überall handle es sich aber um vorläufige Zahlen.

Die Universitäten büßen auch ein: Die Uni Mannheim kommt mit einem Minus von 2,2 Prozent davon, Konstanz hat dagegen einen Rückgang von fast 24 Prozent. Beim Karlsruher Institut für Technologie sanken die Einschreibungen der Ausländer sogar um 31 Prozent auf 753.

Plus für Landeskasse

Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) erfüllt mit den Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer eine Einsparauflage. Alternativ hätte sie in anderen Bereichen kürzen müssen.

Die Einnahmen steigen stufenweise, da lediglich neue Studenten verpflichtet sind, 1500 Euro pro Semester zu zahlen. Aus den bisher erfassten Einschreibungszahlen errechnet das Ministerium für 2017 rund 14 Millionen Euro Einnahmen. Da aber noch Ausnahmeregelungen und Befreiungen zu berücksichtigen sind, blieben nur rund zehn Millionen Euro übrig. Im Endausbau kalkuliert das Ministerium für das Jahr 2022 mit insgesamt 45 Millionen Euro. Ein Fünftel sollen die Hochschulen erhalten.

 

Text: Peter Reinhardt, Sarah Arweiler, Bild: Archiv