Chefinnen sind oft die härteren Männer | hochschulenhoch3

Chefinnen sind oft die härteren Männer

12. Januar 2017 – Schlappe 170 Jahre wird es noch dauern, bis die Gleichstellung von Mann und Frau erreicht ist. Das geht aus dem Gender Gap Report hervor, den das Weltwirtschaftsforum im Oktober veröffentlich hat. Betrachtet werden die Bereiche Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung, wirtschaftliche Chancen und politische Beteiligung – weltweit. Deutschland liegt im Gesamtvergleich für 2016 auf Platz 13. Platz 1 erreicht Island, gefolgt von den anderen skandinavischen Ländern Finnland, Norwegen und Schweden.

Chefsessel ist Männerdomäne

Zu diesem Befund passt die Jubelmeldung wenig, die vor wenigen Wochen aus dem Familienministerium von Manuela Schwesig (SPD) kam. Sie beglückwünschte sich selbst zur Einführung der Frauenquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte im Mai 2015 und schlussfolgerte: „Die Quote wirkt. Wir haben mehr Frauen in Führungspositionen.“ Der Anteil liegt laut Bundesfamilienministerium inzwischen bei 27,5 Prozent (von 23,3 Prozent). Im operativen Geschäft hingegen, wo keine Quote gilt, ergibt sich ein gleichbleibend düsteres Bild, wie die Beratungsfirma EY jetzt herausgefunden hat. Die Führungsgremien der größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland bleiben eine Männerdomäne. Demnach arbeiten zum 1. Januar 2017 in den 160 börsennotierten Firmen aus dem Dax, MDax, SDax und TecDax nur 45 weibliche Vorstände. Ihnen stehen laut der Analyse 630 männliche Vorstände gegenüber – ein Frauenanteil von 6,7 Prozent.

Frauen noch kompromissloser

Dabei verfügen Frauen in Top-Führungspositionen nachweislich über dieselben Management-Qualitäten wie ihre männlichen Kollegen, sagt Christian Mai von der German Graduate School of Management and Law (GGS) Heilbronn, dessen Studie derzeit für viel Aufsehen in Wirtschaftskreisen sorgt.

Rund 500 Vorstände und Geschäftsführer deutscher Unternehmen hat Mai befragt – 30 Prozent davon weiblich. Sein Ergebnis: Frauen in Top-Führungspositionen sind genauso selbstverliebt, manipulativ und machtbesessen wie ihre männlichen Pendants. Chefinnen seien manchmal sogar noch einen Tick härter und kompromissloser, weil sie ihre weibliche Seite bewusst unterdrückten und sich an männlichen Kollegen orientierten, um Erfolg zu haben. Das hat laut Mai einen einfachen Grund: „Frauen müssen mehr leisten, um als ebenso gut wahrgenommen zu werden.“ In Einstellungsgesprächen zum Beispiel seien sie oft härter und bewerteten auch andere Frauen kritischer.

Legt dieses Ergebnis nahe, dass es egal ist, ob ein Mann oder eine Frau an der Spitze eines Unternehmens steht? Weil extrem erfolgreiche Chefinnen offenbar doch keine speziellen Attribute wie Empathie und die Fähigkeit zum Ausgleich mitbringen, die lange als vorwiegend weiblich galten? Weil, wer als Führungskraft Erfolg haben will, Unisex-Merkmale besitzen muss, und das Geschlecht zweitrangig ist?

Weiche Eigenschaften punkten

Das verneint Christian Mai. Er plädiert vielmehr dafür, Frauen und die ihnen ursprünglich zugeschriebenen Eigenschaften stärker zu fördern. Davon würden Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt profitieren. Denn: Wenn „weibliche“ Charaktermerkmale in Unternehmen einen höheren Stellenwert hätten, dann sei es auch Männern besser möglich, „weiche Eigenschaften“ zu zeigen: auf die Bedürfnisse des anderen eingehen, das Team stärken, statt sich selbst in den Mittelpunkt stellen, sich mehr um die Familie kümmern: „Auch Männern wird damit ein neues Territorium eröffnet“, sagt der 30-Jährige. Das passe gut in unserer Zeit, in der Arbeitnehmer immer größeren Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance legten. Hochqualifizierte Väter wollten Zeit mit dem Nachwuchs verbringen – ob während der Elternzeit oder im frühen Feierabend –, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder gar um den Verlust des Arbeitsplatzes fürchten zu müssen. Indem man mehr weibliche Führungskräfte hole, schaffe man auch für Männer ein Umfeld, in dem sie diese Wünsche umsetzen könnten, so Mai.

Fest steht für ihn: Die wenigen Frauen, die für Top-Führungspositionen geeignet sind und sie auch anstreben, müssen intensiv gefördert werden. „Es gibt sowieso schon so wenige.“ Aus einer Gruppe von zehn Männern brächten bis zu vier das geforderte Persönlichkeitsprofil mit – bei den Frauen nur 0,6. In der Gesamtbevölkerung sei das anders. Hier seien Frauen eher kooperativ als kompetitiv. Eigenschaften wie Empathie und Kommunikationsfähigkeit seien wesentlich stärker ausgeprägt als bei Männern. Mai vermutet: „Durch die Möglichkeit der Mutterschaft ist SIE vom Grundsatz her viel empathischer veranlagt und kann besser auf andere eingehen als ER.“

Ein höherer Frauenanteil als Schlüssel zu mehr gesellschaftlicher Zufriedenheit insgesamt also? Daran glaubt Mai. Eine größere Diversität steigere die Attraktivität eines Arbeitgebers. Alle würden von mehr Frauen in Top-Führungspositionen profitieren, meint er. Sein Plädoyer: „Frauen sollten ihrer Persönlichkeit treu bleiben. Das brauchen wir im 21. Jahrhundert.“

 

Text: Valerie Blass, Foto: Fotolia