Der pure Adrenalinrausch | hochschulenhoch3

Der pure Adrenalinrausch

12. April 2018 – „In meinem Sport fliege ich für einen kurzen Moment. Ich blende dann alles andere aus. Das absolute Freiheitsgefühl“, sagt der 28-jährige Freeride-Mountainbiker Urs Reinosch. Als Jugendlicher hält er zufällig eine Zeitschrift in den Händen, wo Freeride-Mountainbiker aus dem Bundesstaat Utah in den USA entlang der Klippen durch die Luft wirbeln. Urs erster Gedanke: „Geil, das mache ich auch.“ Heute gehört er zu den Profis in der Szene.

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Mit 16 Jahren kauft sich Urs sein erstes Freeride-Bike und startet auf der BMX-Bahn in Öhringen, seinem Heimatort. Schnell merkt er, dass er mit Freeride-Mountainbiking genau seinen Sport entdeckt hat. Auf der Strecke ist er ganz auf sich alleine gestellt, ist für jede seiner Handlungen selbst verantwortlich, kann seine Grenzen ausloten – genau das, wonach er sucht. „Die Sprünge, Saltos und Rotationen im Freeride lassen einen eigenen Stil zu, den nur du hast. Für mich ist es eine Art und Weise, mich auszudrücken“, erklärt der Student.

Sponsoringverträge und internationale Wettkämpfe

Urs ist gut, richtig gut. In der Szene spricht sich das rum. Zusammen mit seinem Kumpel Philipp Rösner produzieren sie Videos. Die ersten Erfolge lassen nicht lange auf sich warten: 2008 gewinnt Urs den Videocontest The Quest in Stuttgart – ab dann flattern die Sponsoringverträge verschiedener Klamottenlables ins Haus. Zum Glück. Denn fast jedes Wochenende startet Urs bei Wettkämpfen, viele davon im Ausland. Das geht  ganz schön ins Geld. Durch die Einnahmen aus den Verträgen finanziert er sich die Reisen und seine Ausstattung. 2010 qualifiziert sich Urs für die Freeride-Mountainbike-World-Tour – der Sprung auf die internationale Wettkampfbühne. 2011 schafft es Urs auf den 30. Platz der Weltrangliste.

Fehler mit Folgen

Bei meterhohen Sprüngen kracht es irgendwann auch mal: Ein gebrochenes Handgelenk, ein Schlüsselbeinbruch und ein Kreuzbandabriss zählt der Student auf. Alles sei bei Tricks passiert, die er schon seit Jahren kann. „Ich wusste jedes Mal sofort, welchen Fehler ich zuvor gemacht hatte. Egal, um welche Achse du routierst, du landest immer auf den Füßen. Eigentlich ist der Sport sehr selbstkalkulierend.“

Große Turniere hat Urs heute aufgegeben. Den hohen Druck und das ständige Unterwegssein hat er jahrelang gehabt. Heute möchte er es nicht mehr. Wobei: Ganz lassen kann er es nicht. „Wenn hier in der Region ein Wettkampf ist, der richtig Spaß macht und ich viele Bekannte treffe, dann bin ich auch am Start.“

Rad und Strecke – die wichtigsten Faktoren

Freeride-Mountainbikes unterscheiden sich deutlich von normalen Mountainbikes. Sie sind vorne und hinten gefedert, haben Scheibenbremsen und Federwege zwischen 160 und 200 Millimeter. Das Dirtbike, wie Urs es hauptsächlich für seine Tricks verwendet, besitzt nur eine Federung vorne mit 100 Millimter, sowie eine Scheibenbremse hinten und keine Schaltung. Das Rad fällt insgesamt etwas kleiner aus, um bei den Tricks agiler zu sein. Die günstigsten Bikes fangen bei 800 Euro an, für ein richtig gutes muss man 3000 Euro und mehr berappen.

Mindestens genauso wichtig wie ein gutes Rad ist eine gute Strecke. „Es hat ein bisschen was von Garten- und Landschaftsbau“, scherzt Urs. Die meterhohen Hügel und Bahnen müssen jeden Frühling, wenn die Saison startet, aufgeschüttet, modelliert, dann festgeklopft werden. Im Sommer muss man die Stecke regelmäßig wässern, damit es beim Fahren nicht staubt. „Das alles kann sehr aufwendig sein, je nachdem, wie gut die Strecke in deinen Augen sein soll. Manche Freeride-Mountainbiker betreiben zu 80 Prozent Streckenpflege und fahren zu 20 Prozent.“

 

Text: Sarah Arweiler, Fotos: Christoph Laue, Homepage: http://christophlaue.com/