Vom Stürmer zum Studi | hochschulenhoch3

Vom Stürmer zum Studi

4. April 2017 – Ein schwarzes Auto mit Stuttgarter Kennzeichen fährt vor. Wie auf Kommando wandern die Blicke der Studenten im voll besetzten Hörsaal der Reinhold-Würth-Hochschule (RWH) zur Fensterfront, mancher richtet sich auf, reckt den Kopf. Erste Finger zeigen nach draußen, wo der ehemalige Fußballnationalspieler Cacau aus dem Auto steigt. Lässig in Poloshirt, Jeans, Sneakers und mit schwarz gerahmter Brille betritt er schließlich den Raum, ein freundliches, fast schüchternes Lächeln im Gesicht.

Cacau stellt sich an diesem Tag im Rahmen einer Pressekonferenz den Fragen der Sportmanagement-Studenten im vierten und sechsten Semester. Studenten unter sich, könnte man also sagen, denn Cacau studiert selbst seit Oktober Sportmanagement.

Weg aus der Armut

Locker und sympathisch, immer wieder ein Späßchen auf den Lippen, fesselt er die Studierenden. Wenn er von seiner Fußballkarriere spricht, etwa vom Deutschen Meistertitel mit dem VfB Stuttgart 2007, schwingt ein Funke Wehmut mit. „Es ist der schwierigste Moment als Fußballer, wenn du nicht mehr tun kannst und darfst, was du immer getan hast.“ Mucksmäuschenstill ist es im Saal, als Cacau von seiner Kindheit in Brasilien spricht, von Armut, einem alkoholkranken, teilweise gewalttätigen Vater und der Hoffnung, durch den Fußball der Armut zu entfliehen.

Dabei habe er stets den Blick nach oben gerichtet. Auch wenn es sportliche Rückschläge gab, etwa als er 2012 im vorläufigen EM-Kader stand und dann doch nicht mit nach Polen und in die Ukraine reisen durfte. Oder wenn der mediale Druck auf ihn sehr groß war: „Einmal ist man der Größte, einmal so schlecht, dass man besser verkauft werden sollte.“ Damit müsse man umgehen lernen. Aber ganz ohne Druck mache Fußball auch keinen Spaß, ist er überzeugt.

Integrationsbeauftragter

Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn im vergangenen Jahr ist Cacau neben seinem Studium auch Intergrationsbeauftragter des Deutschen Fußballbundes. „Die Anfrage habe ich als große Chance wahrgenommen.“ Der Fußball spiele für Integration eine wichtige Rolle. „Fußball ist ein Platz der Begegnung“, sagt der 36-Jährige. Und durch Begegnung könne man Vorurteile abbauen. Er betont: „Der Respekt vor allen Kulturen muss da sein.“ Aber Integration sei eben auch, sich in bestimmten Dingen anzupassen. An die deutschen Eigenheiten hat er selbst sich inzwischen gewöhnt, sagt er. Obwohl Brasilianer von Natur aus chaotisch und unpünktlich seien.

„Ich habe da noch eine rhetorische Frage, die Sie nicht beantworten müssen“, ergreift Professor Bezold am Ende der studentischen Pressekonferenz das Wort: „Warum studieren Sie eigentlich nicht bei uns?“ Die einzige Frage, auf die Cacau am Ende eine Antwort schuldig bleibt.

Text und Foto: Tamara Kühner

Zur Person

Cacau, der bürgerlich Claudemir Jerônimo Barreto heißt, ist 1981 in Brasilien geboren. Durch Osmar de Oliveira, seinen späteren Manager und Leiter einer Samba-Gruppe, kam Cacau 1999 nach Deutschland und tourte mit der Tanzgruppe. Er erhielt einen Vertrag beim Fußballverein Türk Gücü München in der Landesliga. 2001 wechselte der damals 20-Jährige zum 1. FC Nürnberg. 2003 ging es zum VfB Stuttgart, wo er seine erfolgreichste Zeit als Fußballer feierte und 2007 Deutscher Meister wurde. 2009 erhielt Cacau die deutsche Staatsbürgerschaft und wurde in die Nationalmannschaft berufen. 2016 beendete er seine aktive Karriere und ist Integrationsbeauftragter des DFB.