Interview mit neuem Rektor Oliver Lenzen | hochschulenhoch3

„Es gibt kein Schwarz-Weiß-Denken“

10. Juli 2017 – Mit überwältigender Zustimmung wurde Oliver Lenzen (56) zum Rektor der Hochschule Heilbronn (HHN) gewählt. Im Interview mit der Heilbronner Stimme verspricht er interne Konsolidierung durch eine offene Gesprächskultur. Der so hergestellte Frieden ist Grundvoraussetzung für eine weitere gute Entwicklung der HHN. Lenzen sagt es so: „Attraktivität ist die äußere Wahrnehmung einer inneren Performance.“

In der Hochschule kursiert, dass der damalige Rektor Schröder, kurz bevor er krank wurde, zu Ihnen gesagt habe: „Herr Lenzen, übernehmen Sie.“

Oliver Lenzen: Das ist absolut korrekt. Das bezog sich aber auf das Prorektorat Forschung, nicht auf die Hochschulleitung.

Ihr Wahlergebnis – 22 von 25 Stimmen im Senat und alle Stimmen aus dem Hochschulrat – ist fast sozialistisch zu nennen. Wie erklären Sie sich die großartige Zustimmung?

Lenzen: Wir haben im letzten halben Jahr offenbar nicht alles falsch gemacht. Man nannte das früher Halbjahresergebnis, ich nenne es mal ein Halbjahresassessment. Das kann schief gehen, in unserem Fall hat’s geklappt. Und ich bin seit zehn Jahren an der Hochschule. Man weiß so ungefähr, auf was man sich einlässt – umso mehr freut es mich.

Was ist Ihre Halbjahresbilanz?

Lenzen: Nach unserer Wahl im Dezember konnten wir drei Prorektoren gestalten. In Schwäbisch Hall haben wir eine neue Leitung installiert und ein klares Bekenntnis zum Standort vermittelt. Im Januar hatten wir einen großen Workshop mit dem Senat und haben Arbeitsgruppen gebildet zu zehn relevanten Handlungsfeldern. Das war der erste Schritt in eine offene Kommunikation. Wir haben die Forschung in den Senat gebracht, sie ist jetzt über einen Ausschuss vertreten. Wir haben begonnen, die Aktivitäten Richtung Buga zu verstärken. Das Otto-Rettenmaier-Labor wurde eröffnet. In Künzelsau haben wir mit den Verhandlungen um ein EMB-Pabst-Forschungsinstitut Neuland betreten.

Aber Sie haben es nicht geschafft, ins Hauptgebäude auf dem Campus Sontheim zurückzukehren. Sie wollten raus aus der Abgeschiedenheit des Y-Baus, näher zu den Leuten: Gerüchte wachsen hören, sobald sie entstehen.

Lenzen: Alle Büros waren vergeben. Wir wollten den Mitarbeitern nicht zumuten, wieder umzuziehen. Wir haben eine Kaffeerunde des Rektorats eingeführt, an jedem ersten Dienstag im Monat von 10 bis 12 Uhr in der Cafeteria in Sontheim. Jeder kann kommen, sich mit uns über Gott und die Welt und die Hochschule unterhalten. Das wollen wir an allen Standorten machen.

Was schätzen Sie an der Hochschule am meisten?

Lenzen: Die Diversität: vier Standorte, 50 Studiengänge, 90 Nationalitäten. Die Unzahl von Möglichkeiten, die diese Hochschule gibt. Nichts Abgeschlossenes, nichts Fertiges, das hat mich immer gereizt.

In der Ära Schröder 2007 bis 16 hat die Hochschule großen Aufschwung genommen. Was bleibt?

Lenzen: Ich habe Herrn Schröder sehr geschätzt, wir haben gut zusammengearbeitet. Er hat die Hochschule aus der Versenkung geholt. Die Hochschule ist gewachsen, diese Chance hat er ergriffen. Sein Ziel war es, sie zur größten Hochschule für angewandte Wissenschaften in Baden-Württemberg zu machen. Quantität allein ist natürlich kein Qualitätsmerkmal. Aber sie macht sichtbar. Die drei wichtigen Säulen – Technik, Informatik, Betriebswirtschaft – hat er belassen und ausgebaut. Er hat die Hochschule agil gemacht. Was ich so gehört habe, war die Hochschule zuvor eher gesetzt und behäbig.

Was steht auf Ihrer Agenda on top?

Lenzen: Immer die Finanzen, Personal, strategische Dinge, die auf uns zukommen. Wir werden den Kurs der internen Konsolidierung fortsetzen. Ein System kann nur erfolgreich agieren, wenn es eine große Stabilität nach innen aufweist. Ich setze viel Kraft und Energie rein, die Strukturen nach innen zu stabilisieren und zu öffnen.

Der Bewerbungsrückgang ist fatal, das wirkt sich auf die Lehre bis zur Abbrecherquote aus. Was ist zu tun?

Lenzen: Alles, was wir tun, hat mit Studierenden zu tun. Wir werden nach Studierendenzahlen bezahlt. Wir müssen uns um die Bewerber kümmern – pro Studienplatz, nicht um die Besten, sondern um die Geeignetsten herauszufiltern. Das Zauberwörtchen heißt Attraktivität, die muss erhöht werden für ganz verschiedenen Anspruchsgruppen, für Studierende, auch für Mitarbeiter und für Professoren, damit wir Topleute aus der Wirtschaft bekommen. Und für die Unternehmen, mit denen wir kooperieren, müssen wir attraktiv sein. Der Begriff klingt simpel, aber ist völlig unterschiedlich auszulegen. Attraktivität ist die äußere Wahrnehmung einer inneren Performance. Dazu gehört, dass ich sie habe und sie nach außen bringe. Das ist das berühmte Licht, das man nicht unter den Scheffel stellen soll. Der Kampf um gute Professoren wird immer wichtiger.

Heilbronn bekommt mit der Technischen Universität München (TUM) neue Konkurrenz. Wie gehen Sie mit den anderen Hochschulen um?

Lenzen: Heilbronn ist eine Art Brennpunkt an Bildungseinrichtungen: HHN, DHBW, CAS, GGS, in Zukunft die TUM. Es gilt aus meiner Sicht, genau zu informieren, welches Profil sich hinter welcher Einrichtung verbirgt. Das ist die Voraussetzung für partnerschaftliche Zusammenarbeit und dass man sich nicht im Wettbewerb verliert.

 

Text: Gertrud Schubert, Foto: Andreas Veigel