Das Ende des Bargelds? Interview mit Prof. Oliver Letzgus | hochschulenhoch3

DHBW-Professor Oliver Letzgus: "Bargeld erhalten"

30. Januar 2018 – Sind die Tage des Bargeldes gezählt? Werden wird bald die Brötchen beim Bäcker per EC-Karte zahlen? Der Druck der Finanzwirtschaft, das Bargeld abzuschaffen, nimmt zu. DHBW-Professor Oliver Letzgus verfolgt diese Entwicklung mit Sorge.

Herr Professor Letzgus, wann wird das Bargeld abgeschafft?

Oliver Letzgus: Vermutlich gibt es da kein Enddatum, sondern es wird ein schrittweises Vorgehen sein.

Deutsche-Bank-Chef John Cryan geht davon aus, dass Bargeld in den nächsten zehn Jahren verschwinden wird, weil es "fürchterlich teuer und ineffizient" sei. Hat er Recht?

Letzgus: Aus seiner Perspektive sicher. Die Banken leiden unter Bargeld, weil sie hohe Kosten tragen müssen für Geldtransporte, Aufbewahrung etc. Hinzu kommt, dass die Möglichkeit der Barabhebung die Kreditvergabe der Geldinstitute einschränkt, was ebenfalls zu Lasten der Gewinne geht. Auch der Handel verzichtet gerne auf Bargeld.

Und der Verbraucher?

Letzgus: Ihm würden die Vorteile des Bargeldes verloren gehen.

Welche denn?

Letzgus: Anonymität ist ein wichtiger Punkt. Ich kann zudem beim Bargeldaustausch auf technische Vorrichtungen verzichten, die ich bei der Kartenzahlung brauche.

Die Deutschen lieben Bargeld: Fast 90 Prozent zahlen in Geschäften bar, jeder hat 103 Euro Bargeld im Portemonnaie − in der Eurozone sind es nur 65 Euro. Woran liegt das?

Letzgus: Ich glaube, dass das historische Gründe hat. In Skandinavien ist man sehr weit, was die Bargeldabschaffung angeht. Die skandinavischen Länder haben aber auch 200 Jahre ununterbrochene Demokratiegeschichte, während die Deutschen immer wieder ihre Probleme mit dem Staat hatten. Je autoritärer ein Staat ist, umso bedrohlicher ist die Bargeldabschaffung, weil die Bürger dann keine Rückzugsmöglichkeit mehr haben. Wenn ich dem Staat ein gewisses Misstrauen entgegenbringe, ist komplette Transparenz nachteilig.

Sind die Deutschen Fortschritts- oder Technikmuffel?

Letzgus: Das würde ich nicht sagen. Es ist eher eine Skepsis gegenüber dem Staat und den Internetkonzernen, die gerne auf eine bargeldlose Bezahlung umsteigen würden. Dann haben sie die Daten der Nutzer eins zu eins, und das ist genau das, was diese Konzerne wollen. Ich sehe es daher eher als gesundes Misstrauen der Bürger, wenn sie auf Bargeldzahlung bestehen.

Die Befürworter der Bargeldabschaffung führen Kostenersparnisse und Effizienzgewinne ins Feld. Zudem würde die Schattenwirtschaft ausgebremst. Sehen Sie das auch so?

Letzgus: Das stimmt zum Teil sicherlich, weil in der illegalen Wirtschaft praktisch alles bar bezahlt wird. Aber ich vermute, dass ein Ausweichen stattfinden würde auf andere Währungen oder Digitalwährungen wie Bitcoins. Oder man bezahlt ganz einfach mit Amazon-Gutscheinen. Es gibt in der organisierten Kriminalität genug Wege, ein Bargeldverbot zu umgehen.

Banken und Handel würden sich über die Abschaffung des Bargeldes freuen. Welche Auswirkungen sehen Sie für den Verbraucher?

Letzgus: Wenn es kein Bargeld mehr gäbe, würde jede Transaktion bekannt werden. Der Staat und die Unternehmen hätten diese Informationen dann. Es kommt aber noch etwas Wichtiges hinzu: Wenn es kein Bargeld mehr gibt, haben Banken die Möglichkeit, Negativzinsen durchzusetzen. Mit Bargeld kann ich Negativzinsen ausweichen, im Zweifel hebe ich mein Geld ab. Wenn es nur noch Giralgeld (Giralgeld oder Buchgeld entsteht durch Einzahlung von Bargeld auf ein Bankkonto, Anmerkung der Redaktion) gibt, kann der Staat quasi per Knopfdruck mein Geld entwerten und damit Schulden bezahlen. Das ist aber mit meinem Demokratieverständnis nicht in Einklang zu bringen.

Sie sind Befürworter des Bargeldes?

Letzgus: Absolut. Man muss den Menschen die Freiheit lassen, ob sie mit Bargeld oder Karte bezahlen. Wenn sie sich dann entscheiden, dass Bargeld nicht mehr so wichtig ist, dann bin ich damit einverstanden. Aber der Staat sollte das nicht per Verordnung durchsetzen.

Letztlich ist es dennoch eine politische Entscheidung. Wie stark ist denn der Druck der Lobbyisten auf die Politik, das Bargeld abzuschaffen?

Letzgus: Der Druck ist relativ groß. Und er trifft auf einen Staat, der ein ähnliches Interesse hat. Versuchen Sie mal, Ihre Steuer auf dem Finanzamt bar zu bezahlen. Das wird nicht funktionieren, obwohl Bargeld einziges gesetzliches Zahlungsmittel ist. Es gibt diese Tendenzen beim Staat also durchaus.

Wagen Sie eine Prognose, wie sich dieses Thema entwickeln wird?

Letzgus: Die Dekade, die der Deutsche-Bank-Chef genannt hat, ist keine schlechte Prognose. Klar ist, dass es nicht über Nacht geschieht. Und es kann durchaus sein, dass es bei diesem sensiblen Thema Widerstand aus der Bevölkerung gibt.

Zur Person

Seit 2012 ist Oliver Letzgus Professor für Volkswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Heilbronn. Er ist Experte für Mikroökonomik, Makroökonomik und Wirtschaftspolitik. Seine Schwerpunkte liegen auf den Themenfeldern Geld, Finanzmärkte und Währung. Zudem lehrt er am Center for Advanced Studies (CAS) der DHBW Heilbronn sowie an der Frankfurt School of Finance and Management. Im September 2017 hat Oliver Letzgus das Lehrbuch "VWL für Finanzpraktiker" (Verlag Schäffer Poeschel, 164 Seiten) veröffentlicht).

Text: Jürgen Paul, Foto: DHBW Heilbronn