Von wegen Männersache

18. Mai 2017 – Bauleiterin, Anwendungsingenieurin oder eine Frau in der Qualitätssicherung Karosseriebau bei Audi. Ist das heute selbstverständlich? Mit Blick auf die Zahlen – nein. Männer sind in technischen- und Ingenieursberufen klar in der Überzahl. Wie sieht es an den Hochschulen aus? In den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sitzen nach wie vor deutlich mehr Männer in den Hörsälen als Frauen. An der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mosbach machten drei Absolventinnen vor einer Gruppe Schülerinnen Lust auf diese Branche. Sie erzählten von ihrem Ingenieursstudium, aus ihrem Berufsalltag und darüber, wie sie Männern mit Vorurteilen begegnen.   

Keine Scheu vor Großprojekten

Auf großen Baustellen hat sie das Sagen: Bauingenieurin Sarah Feugmann ist Bauleiterin in Erdbau und Abriss. In ihrer Verantwortung liegen Großprojekte wie Brückenabrisse auf Autobahnen oder der Abbruch von Krankenhäusern. „Mein Beruf ist sehr abwechslungsreich. Es ist nie ein Tag wie der andere“, sagt sie. Von 2011 bis 2014 studiert sie in Mosbach Bauwesen mit dem Schwerpunkt Projektmanagement. Danach sattelt sie den Master of Law in Baurecht und Baubegleitung oben drauf. Was gefällt Sarah Feugmann an ihrem Job? „Mich faszinieren große Maschinen und die Technik dahinter. Und die Tatsache, dass ich an riesigen Projekten beteiligt bin, an die sich viele nicht mal ran trauen würden.“ Doch in kaum einer anderen Branche begegnen Frauen so vielen Vorurteilen wie im Bau, sagt sie. „Vor allem ältere Leute denken, der Bau sei Männersache.“ Für ihren Job sei neben dem Verständnis für Maschinentechnik auch viel Organisationsgeschick gefragt. Genau darin liege die Stärke vieler Frauen. „Warum also nicht?“

Innerhalb des Unternehmens ist Sarah Feugmann als Bauleiterin voll akzeptiert. Immerhin kenne sie jeder. „Wenn ich auf der Baustelle auf Männer treffe, die mich nicht für voll nehmen und es mir schwer machen wollen, halte ich mit Kompetenz und Fachwissen dagegen.“ Meist sind es Männer ab 50 und älter, die Vorbehalte gegen Frauen in technischen Berufen haben, sagt die Bauleiterin. Doch die Zeiten hätten sich geändert. „In unserer Generation gibt es keine Barrieren mehr im Kopf.“    


Expertin für Wälzlager

Von Kindesbeinen an interessiert sich Corinna Ulherr für Technik. „Schon im Kindergartenalter lagen die Puppen nur in der Ecke. Bauklötze und alte Telefone fand ich super“, erinnert sie sich. In der Schule sind Mathe, Physik und Chemie ihre starken Fächer. Lernfächer wie Geschichte hätte sie ohne Schummeln nicht geschafft, das gibt sie offen zu. Eine Lehrerin organisiert für die Klasse eine Firmenbesichtigung bei Siemens. Von da an weiß Corinna Ulherr, dass sie später auch in diesem Bereich arbeiten möchte.

Nach dem Abitur an einer Hochschule oder Uni nur Theorie pauken ist nicht ihr Ding. Sie möchte gleich arbeiten und Geld verdienen. 2010 beginnt sie in Mosbach den Bachelor in Mechatronik. „Nach der Schule hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, in welchem Bereich ich arbeiten möchte. Während des Studiums durchlief ich im Unternehmen verschiedene Abteilungen. Danach wusste ich, was mir Spaß macht.“

Heute arbeitet sie als Anwendungsingenieurin im Maschinenbau. Zu ihrem Aufgabengebiet gehören Wälzlager. Sie verbessert bestehende Anwendungen oder entwickelt neue Lösungen. Zudem ist sie häufig bei Kundenbesuchen vor Ort und bereitet technische Schulungen vor.

„In unserer Abteilung sind wir insgesamt 40 Leute, davon acht Frauen. Vorurteile der Männer gibt es keine. Das haben wir Frauen denen längst ausgetrieben“, scherzt sie. Doch sie teile die Erfahrung von Sarah Feugmann, dass Ältere eher dazu neigten, sie als Ingenieurin zu belächeln. Etwa, als sie mit Anfang 20 eine Schulung vor Monteuren Mitte 50 hielt. „Zuerst haben sie versucht einzuschätzen, wie alt ich bin. Dann haben sie durch Fragen getestet, wie gut ich mich auskenne. Das merkte ich schnell. Ich wusste aber, dass sie es falsch machten und ich es besser wusste. Das hat mir geholfen.“


Ein Auge für Luxusautos

Bianca Gehrig wählt schon auf dem Gymnasium einen technischen Schwerpunkt. „Sprachen liegen mir einfach nicht“, erklärt sie. Nach dem Abitur weiß sie, dass sie technisch affin ist und ihre berufliche Reise in genau diese Richtung gehen soll. Doch erst möchte sie studieren. Am liebsten ein duales  Studium, denn die Kombination aus Theorie und Praxis hält sie für ein gutes Konzept. „Von Anfang an hat man Einblicke in ein Unternehmen und lernt interne Abläufe kennen. Das ist in meinen Augen ein großer Vorteil gegenüber dem klassischen Studium.“ Im Oktober 2012 beginnt sie an der DHBW Mosbach ihr Maschinenbau-Studium und arbeitet bei Audi in Neckarsulm.

Seit 2016 ist die Ingenieurin für die Qualitätssicherung Karosseriebau des Audi R8 zuständig – ein Job, um den sie wahrscheinlich viele Männer beneiden. Neben der Serienüberprüfung untersucht sie die Karosserien und Anbauteile auf Maßhaltigkeit. „Manches klingt komplizierter als es in Wirklichkeit ist. Es wird einem ja alles gezeigt“, ermutigt sie die Schülerinnen.

 

Text: Sarah Arweiler, Fotos: privat