Rollenklischees als Karrierekiller | hochschulenhoch3

Rollenklischees als Karrierekiller

27. Januar 2017 – Frauen sind in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert. Wer im Ausbau der Kinderbetreuung auch einen Wendepunkt in den Chefetagen sah, der wurde durch neueste Statistiken eines besseren belehrt. Tanja Hentschel ist Diplompsychologin an der TU München. Sie sieht die Wirkung von Geschlechterstereotypen als einen wesentlichen Grund für die Unterrepräsentation. Im Rahmen der Vortragsreihe Gensity an der DHBW Heilbronn referierte sie zu diesem Thema. Hochschulenhoch3 stand die Forscherin zum Interview bereit.

 

Frau Hentschel, seit Jahren wird beklagt, dass Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen in den allermeisten Fällen das Nachsehen haben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Tanja Hentschel: Dafür gibt es die unterschiedlichsten Gründe. Ein wesentlicher Grund ist, wie Frauen generell von Personalverantwortlichen gesehen werden. Ein anderer liegt im Selbstbild von Frauen und den Entscheidungen, die sie treffen. In beiden Fällen spielen Geschlechterstereotype eine wichtige Rolle. Im Allgemeinen werden Frauen als einfühlsam, sozial, kommunikativ und umsorgend gesehen – Männer hingegen als durchsetzungsstark, dominant und eher risikobereit. Diese Rollenklischees beeinflussen gerade die Besetzung von sehr hohen Führungspositionen. Hin und wieder stehen sich Frauen auch selbst im Weg. Aus Studien wissen wir: Frauen achten bei einer Stellenausschreibung viel stärker darauf, ob sie sich in möglichst allen Punkten wiedererkennen. Deshalb suchen viele nach Stellen, wo eher nach Personen mit Sozialkompetenz oder Kommunikationsfähigkeit gesucht wird. Viele Frauen schreiben sich diese Eigenschaften auch selbst zu. Zudem unterschätzen sie sich häufig selbst und die eigene Leistung. Das wurde auch bei sehr kompetenten und leistungsstarken Frauen beobachtet.

 

Warum werden dann eher Männer für Führungspositionen ausgewählt?

Tanja Hentschel: Die Stellenprofile klingen meist ähnlich: Führungskräfte sollen durchsetzungsstark, erfolgsorientiert, zielstrebig und risikobereit sein und Druck standhalten können – Eigenschaften, die eher Männern zugeordnet werden. Aus diesem Grund neigen Personalverantwortliche dazu, Frauen als weniger geeignet zu sehen. Dieses Denken ist in den meisten Fällen unbewusst. Geschlechterstereotype sind seit Generationen in den Köpfen einprogrammiert. Das lässt sich nicht so leicht ausblenden.

 

Sie haben eine Studie zur Formulierung von Stellenausschreibungen gemacht. Worum ging es und was sind die Ergebnisse?

Tanja Hentschel: Wir haben untersucht, ob die Formulierung von Stellenausschreibungen Einfluss auf die wahrgenommene Zugehörigkeit und Bewerbungsabsicht von Männern und Frauen hat. Versuchsteilnehmende lasen zwei Ausschreibungen: Die eine mit überwiegend typisch maskulinen Wörtern wie zielstrebig, erfolgsorientiert, entschlossen, ehrgeizig. Die andere mit typisch femininen Wörtern wie kontaktfreudig, teamfähig, vertrauensvoll und gewissenhaft. Auf diese Stellenausschreibung bewerben sich Frauen eher – sie fühlen sich diesem Profil zugehörig. Für sie ist wichtig, auf die Stelle genau zu passen. Männer lassen sich durch die Wortwahl nicht beeinflussen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass dieses Verhalten nicht auf jede Frau oder jeden Mann zutrifft – man darf hier keine Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen. Trotzdem – mein Tipp an alle Frauen: Sie sollen es mit einer Bewerbung versuchen und im weiteren Verlauf schauen, ob sich ihr erster Eindruck bestätigt.

 

Man hört immer wieder, Frauen müssten im Job noch härter auftreten als ihre männlichen Kollegen, um sich bei Beförderungen durchzusetzen. Sehen Sie das genauso?

Tanja Hentschel: Ganz klar: Nein. Im Gegenteil – so ein Verhalten schreckt eher ab. Frauen, die besonders durchsetzungsstark und dominant sind, werden als unsympathisch empfunden. Die Geschlechterrolle wird verletzt. Gerade Sympathie spielt bei Beförderungen eine wichtige Rolle. Wir empfinden Personen negativ, wenn ihr Verhalten nicht zu ihrer Geschlechterrolle passt. Einzige Ausnahme: Wenn das Verhalten positiv bewertet wird. Ein leistungsstarker Mann der anderen gegenüber Mitgefühl zeigt, finden wir sympathisch. Bricht er aber schnell in Tränen aus, finden wir das negativ.

 

Was raten Sie Frauen, die sich im Job hohe Ziele setzen?

Tanja Hentschel: Sie sollen mutig sein, die eigenen Stärken kommunizieren – ohne dabei zu dominant zu sein – und den oder die Vorgesetzte in ihre Karrierepläne einbeziehen. Vielleicht wird er oder sie Weiterbildungsmaßnahmen anbieten und Karriereoptionen mit ihnen besprechen. Für Frauen ist es häufig vielversprechend, wenn sie neben ihrer beruflichen Kompetenz auch Sozialkompetenz zeigen. Das wirkt positiv. Auf jeden Fall sollten sie immer authentisch sein.

 

Text: Sarah Arweiler, Fotos: DHBW Heilbronn, TU München

Zur Person

Tanja Hentschel, 32, ist Diplom-Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Forschungs- und Wissenschaftsmanagement der Technischen Universität München. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Personalauswahl, Geschlechterstereotype und Diversity. Sie war Mitarbeiterin im Projekt „Auswahl und Beurteilung von Führungskräften in Wirtschaft und Wissenschaft“. Tanja Hentschel bietet Trainings zu Personalauswahl, Führung, Gender und Diversity für Zielgruppen aus Wissenschaft und Wirtschaft an.