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Erasmus wird 30

24. Januar 2017 – Sie heißt Lucia, ist 23 Jahre alt und stammt aus Spanien. Während ihres Wirtschaftsstudiums geht sie für sechs Monate nach Deutschland oder Frankreich. Und mit etwas Glück gehört die junge Frau zu den rund 50 Prozent junger Europäer, die noch während ihrer Ausbildung einen Job angeboten bekommen – von dem Unternehmen, in dem sie parallel zu ihrer Zeit an der Universität arbeiten.

Dabei könnte sich Lucia diesen Auslandaufenthalt eigentlich gar nicht leisten. Aber mit den gut 500 Euro, die sie aus der Kasse der EU bekommt, durfte sie sich ihren Traum erfüllen. Lucia könnte auch Maria, Bernhard oder Jeanette heißen – ihr Profil wurde aus den Daten eines durchschnittlichen Studenten zusammengesetzt, der das vielleicht wichtigste Förderprogramm der Europäischen Union nutzt: Erasmus, benannt nach dem niederländischen Kirchenlehrer Erasmus von Rotterdam (1466 bis 1536).

Erfolgsmodell Erasmus

Seit nunmehr 30 Jahren finanziert die Gemeinschaft die Ausbildung junger Akademiker, seit 2014, als man alle Bildungsprogramme der EU zu Erasmus+ zusammenfasste, auch von Auszubildenden, Schülern und Lehrern. Über vier Millionen junge Europäer nahmen bisher daran teil, bis 2020 dürften es über zehn Millionen sein.

Heute kommen in Berlin Forscher, Bildungsexperten und Politiker zusammen, um das Projekt zu feiern. "Die Europäischen Bildungsprogramme sind erfolgreiche Brückenbauer in der Europäischen Union", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. "Erasmus+ und seine Vorläufer eröffnen insbesondere jungen Menschen, über den nationalen Tellerrand zu schauen und andere Länder mit ihren Sprachen und Kulturen kennenzulernen. In der Folge profitieren auch die Unternehmen von auslandserfahrenen Fachkräften mit Fremdsprachenkenntnissen und interkulturellen Kompetenzen." In Brüssel will Bildungskommissar Tibor Navracsics im Laufe dieser Woche das vielleicht erfolgreichste Projekt der EU würdigen.

Zusammenarbeit mit Betrieben weiter ausbauen

Von deutscher Seite wünscht man sich eine noch bessere Verzahnung mit den Betrieben vor Ort. Dercks: "In Zukunft sollte die EU-Kommission Erasmus+ aber noch stärker an die Besonderheiten der beruflichen Bildung und die spezifischen Bedürfnisse von kleinen und mittleren Ausbildungsbetrieben anpassen." Trotzdem sprechen nicht nur die Politiker, sondern auch die Unternehmen von einem "unschätzbaren Wert", den Erasmus+ für das Zusammenwachsen der Union habe. Gerade deshalb wünscht man sich nicht nur hierzulande, dass die Zahl der mobilen Studenten noch weiter steigt.

Derzeit beteiligen sich nur 4,7 Prozent der deutschen Jugendlichen an einer Ausbildung, die zumindest zum Teil im Ausland stattfindet. Der Appell geht insbesondere an die größeren Konzerne, die junge Menschen auch in ihren europäischen Filialen und Tochter-Betrieben unterbringen könnten.

Die Zahlen sprechen schließlich für Erasmus+: Fünf Jahre nach dem Studienabschluss haben 25 Prozent derjenigen, die einen Teil ihrer Ausbildung im benachbarten Ausland verbrachten, einen deutlich höheren beruflichen Level erreicht als ihre Kollegen, die ausschließlich in der Heimat gelernt haben.

Weitere Informationen gibt es auf der gemeinsamen Webseite der deutschen Agenturen, die Erasmus+-Teilnahmen ermöglichen, unter www.erasmusplus.de sowie auf der Homepage der Europäischen Kommission: ec.europa.eu

Text: Detlef Drewes, Foto: Fotolia