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Den Kulturschock überwinden

Stell dir vor, du gehst zum Studieren in ein Land weit weg deiner Heimat. Die Kultur ist eine ganz andere, mit der du aufgewachsen bist. Wie erlebst du die ersten Wochen und Monate? Wie findest du dich zurecht? Auf welche Vorurteile stößt du?

An der Hochschule Heilbronn gibt es 810 ausländische Studierende. Sie machen zehn Prozent der Gesamtzahl aus. Bei der Aktionswoche Willkommenskultur des Welcome Centers organisiert der Verein African Network eine Podiumsdiskussion. Vier ausländische Studierende erzählen von ihren Erfahrungen.

Traum und Realität

Yannik (26), Moderator der Diskussion, stammt aus Kamerun. Er erlebte die ersten Wochen wie einen „Blackout“, fühlte sich „komplett überfordert“. Christian (22), auch aus Kamerun, erinnert sich noch gut, als er 2013 in Frankfurt landete. „Am Flughafen lag kein Geld auf dem Boden“, sagt er lachend. „In meinem Dorf in Kamerun heißt es, Deutschland sei ein reiches Land, in dem alles so leicht funktioniere, da liege sicher das Geld auf dem Boden.“ Doch in der Realität angekommen, trifft ihn das Sprachproblem mit voller Wucht. „Ich dachte, ich schaffe es nicht, wollte nur noch zurück.“ Besonders der schwäbische Dialekt machte ihm das Leben schwer. Heute spricht der Vorsitzende des African Network fließend Deutsch, hat einen großen Freundeskreis, ist Werksstudent bei SAP. „Es läuft alles wunderbar“, ist Christian erleichtert.

Unterstützung durch andere

Jonathan (26) aus Indien litt anfangs unter starkem Heimweh. Alles war fremd: Menschen, Kultur, Landschaft. Kontakteknüpfen funktionierte auch nicht so recht. Er haderte mit sich: Alles hinschmeißen oder sich durchbeißen? Die Unterstützung einer zufälligen Bekannten brachte die Wende: Sie nahm ihn unter ihre Fittiche, erklärte ihm die deutsche Lebensart und unterstützte ihn sogar finanziell bei seinem Studium. „Ich bin ihr so dankbar“, sagt Jonathan. „Ich habe die Erfahrung gemacht: Es tun sich immer neue Chancen auf. Oder man findet Unterstützung durch andere.“

Wände durchbrechen

Tarek (25) aus Syrien beschreibt seinen ersten Monat als Honeymoon-Phase: Achtung der Menschenrechte, eine gute Infrastruktur – Dinge, die er aus seiner Heimat nicht kennt. Später folgte der Kulturschock. Ihn plagte Heimweh, die deutschen Gepflogenheiten, in die er sich schnell einfinden musste, und er sprach kein Deutsch. „Die Sprache ist wie eine Wand, die zwischen mir und anderen steht“, beschreibt er. Bis Tarek endlich an einem Sprachkurs teilnehmen kann, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Doch er unternimmt viel, um im Deutschen besser zu werden: Im Wohnheim unterhält er sich häufig mit seinen Zimmernachbarn, spielt Fußball, geht unter Leute.

Drei Erfolgsgeschichten, die zeigen: Mut und Ausdauer zahlen sich aus. Doch es gibt eine Kehrseite der Medaille: Vorurteile gegenüber Fremden. Yannik: „Wenn ich in den Bus oder die Bahn steige, umklammern viele Frauen ihre Handtaschen. Und wenn die Fahrscheine kontrolliert werden – ich bin immer als Erster an der Reihe.“ Gleiches gelte auch bei der ohnehin schon schwierigen Wohnungssuche: Viele Leute wollen nicht an ausländische Studierende vermieten, sagt Yannik.   

Was zog die vier jungen Männer nach Deutschland? Hier gibt es keine Studiengebühren. Und Christian zählt auf: „Mercedes, Porsche, Bosch“ – weltweit agierende Konzerne versprechen beste Zukunftsaussichten. „Wer sich in Deutschland ein Leben aufbauen möchte“, davon ist Christian überzeugt, „ für den gibt es nur einen einzigen Weg: Die Sprache lernen und Kontakte knüpfen. Alles andere ist keine Option.“ Yannik, Tarek und Jonathan stimmen zu. Ihre Bitte an die Hochschule und an die Stadt: Mehr Sprachkurse, die weit über das Niveau von Integrationskursen hinaus gehen.

Die Pläne der baden-württembergischen Landesregierung, von ausländischen Studierenden aus nicht EU-Ländern 1500 Euro Semestergebühren zu verlangen, lehnen sie ab. Die Vier sind sich einig: „Die meisten werden nicht mehr kommen. Sie können es sich nicht mehr leisten.“

 

Text: Sarah Arweiler, Foto: Nabeel ur Rehman