Alumni berichten von ihrer Karriere

Alumni berichten von ihrer KarriereFriedrich W. Niemann (54), Berlin, studierte von 1984 bis 89 Tourismusbetriebswirtschaft an der Hochschule Heilbronn. Er leitete zahlreiche Großhotels, zuletzt das Hilton Frankfurt und eröffnete das Waldorf Astoria Berlin. Heute ist er selbstständig als Berater, Speaker und „Landlord“ mit Mein Lychen in der Uckermark.

Offen gesagt: Ein Landhaus in bezaubernder Gegend - der Traum begleitete Friedrich W. Niemann schon seit 20 Jahren. Mindestens. Ob er jetzt das Kempinski Hotel Fürstenhof in Leipzig, das berühmte Athénée Palace Hilton in Bukarest leitete oder das Waldorf Astoria in Berlin aus der Taufe hob, stets liebäugelte der General Manager der Grandhotels im Geheimen mit einem Bed&Breakfast in überschaubarer Größe. So wusste er ziemlich rasch, was zu tun war, als er am Pfingstmontag 2014 mit seinem Bruder Konrad nördlich von Berlin im Kajak durch den Nesselpfuhlgraben paddelte und unverhofft ein Schild „Zu verkaufen“ am Ufer entdeckte. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Friedrich Niemann heute. Ende des Jahres übernahmen sie Haupthaus und Nebengebäude und das rund 2000 Quadratmeter große Anwesen. Der Super-Hotelmanager quittierte seinen „Job“, zuletzt Hilton Frankfurt, und machte sich selbstständig. Bis Juli 2016 hat er in „Mein Lychen“ seinen Traum verwirklicht. Die Gäste können kommen.

Garten statt Ballsaal

Was bewegt einen, der scheinbar ewig auf der oberste Sprosse der Karriereleiter herum turnte, plötzlich kehrt zu machen? Von fantastischen 328 modernen Zimmern und 14 Suiten, inklusive Präsidentensuite und 16 Tagungsräumen auf  sechs Zimmer zwischen zwei Kanälen in der Uckermark umzusatteln? Es ist ja nicht so, dass Ber seine egeisterung verloren hätte. Aber den Ballsaal verlassen? Frieder Niemann lacht. „Jetzt habe ich einen großen Garten, in dem man schöne Feste feiern kann.“

Worldwide ganz oben

Es war ihm nicht an der Wiege gesungen, ins Hotel zu gehen. Der Vater Berufssoldat, die Mutter aus einer Fabrikantenfamilie war man im Hause Niemann nie viel gereist. Hotelkaufmann zu werden, war irgendwie Zufall. Aus der Luft gegriffen. In Heilbronn lernte Frieder Niemann die hohe Theorie des  Hotelmanagements, damals ein Schwerpunkt in Tourismusbetriebswirtschaft, er blieb aber auch der Praxis treu, kellnerte sich im Wartberg-Restaurant durchs Studium, putzte sogar Telefonhäuschen in Ludwigsburg, um seinen gewohnten Lebensstandard zu halten. Aufs Diplom setzte er an der Reims Business School noch einen Master, dann startete er durch: Intercontinatal Hotels & Resorts, Althoff Hotel Gruppe, Kempinski Hotels und Hilton Worldwide – immer ganz oben. Diese Welt hat ihm das Studium in Heilbronn eröffnet. „Es war keine Fehlentscheidung.“

Menschenfreund

Nochmals: Warum macht er plötzlich die Kehrtwende? Es ist der Strukturwandel. „Den klassischen Hotelmanager gibt es nicht mehr“, sagt Frieder Niemann, der es Leid hat, zentral gesteuert zu werden, „und das umzusetzen, was sich andere ausgedacht haben“. Ganz einfach: Er fühlte sich ausgebremst. Das war der Moment, den Wunschtraum Realität werden zu lassen. Seine Grundhaltung brauchte er sich ja nicht nehmen zu lassen, schildert Niemann, was einer braucht, um in der Branche zu bestehen: Er muss andere glücklich machen wollen, bereit sein, sie zu begeistern, bereit auch, sie zu bedienen. Einzelgänger eigneten sich für die Buchhaltung, der Gastgeber aber ist ein Menschenfreund, der es liebt auf Menschen zu zugehen und mit ihnen zu tun zu haben. Gut, eine gehörige Portion Ehrgeiz ist auch nicht schlecht. Und geografisch flexibel sollte man sein. Waren es zehn oder zwölf Hotels, die er leitete? „Ich könnte nachzählen“, Niemann verzichtet darauf, die mögliche Dreizehn nimmt er gern als gutes Omen für „Mein Lychen“. 

Die Nähe zu Berlin hat ihm die Geschichte mit der Uckermarker Provinz natürlich leicht gemacht. „Berlin ist meine Stadt, da will ich bleiben.“ Von dort aus ist er auch als selbstständiger Berater in der Branche unterwegs und bietet als Speaker Fortbildung an. Seine Themen: Service, Excellence, Kundenbegeisterung. Seine Zimmer in Lychen aber erinnern ihn und seine Gäste, wie er in der Weltgeschichte herumgekommen ist. Der Zeit in Rumänien ist mit Transsylvanien der größte Raum gewidmet. Afrika, Schweiz, Indien, Amerika und Mitteldeutschland heißen die anderen Zimmer, jedes erzählt (s)eine Geschichte. In der Bibliothek steht der lange Bügeltisch aus Urgroßmutter Niemanns Waschküche. Mit alten Möbeln aus seinem Elternhaus und Mitgebrachtem aus aller Welt soll eine „personifizierte Gastlichkeit“ entstehen. Frieder Niemann beschreibt das Ambiente so: „Wir machen es so, wie wir es würden haben wollen, wenn wir selber in so einem Laden übernachten wollten.“  Am besten schaut man es sich selber an, unter www.meinlychen.de oder persönlich ab Juli 2016.

 

Text: Gertrud Schubert