"Du kannst keine falschen Entscheidungen treffen" | hochschulenhoch3

"Du kannst keine falschen Entscheidungen treffen"

3. April 2018 – A oder B? Rechts oder links? Ulrich Straus fällt es nicht schwer, sich zu entscheiden. Er stellt sich einfach die Frage: Wie kann ich die Welt ein bisschen besser machen? Zurzeit experimentiert der 38 Jahre alte Start-Up-Gründer an der Hochschule Heilbronn mit dem Prototypen eines Navigationsgürtels – manchmal nächtelang.

Herr Straus, gehen Ihnen Menschen auf die Nerven, die sich schwer entscheiden?

Ulrich Straus: Mir gehen Menschen auf die Nerven, die zögerlich antworten, verschleierte Argumente darstellen und keine klare Richtung verfolgen. Das Problem dabei ist, dass dann ohne Ziel kräftig diskutiert wird und am Ende die klare Aussage und damit eine Entscheidung fehlt. Eine schnelle Entscheidung ohne eine Richtung, wo es hingeht, also ein Schnellschuss, bringt natürlich auch nichts.

Sie haben Ihr neues Start-Up zusammen mit drei Freunden gegründet. Wie funktioniert das bei Ihnen im Team?

Straus: Mein Freund Walter und ich tauschen uns als führende Köpfe aus. Er ist eher für philosophische Fragen zuständig, ich für die pragmatischen. Ich sage dann eher: Wir müssen jetzt einen Punkt machen. Was machen wir jetzt? A oder B? Die Argumentation, die wir dann angehen, führe ich so, dass wir mehr auf Risiko gehen als auf kleine heile Welt.

Warum eher Risiko als kleine heile Welt?

Straus: Die kleine heile Welt ist so klein, dass sie meine Vision nicht braucht. Früher gab es den Spruch „Die Hoffnung ist des Kaufmanns Tod“. Der Kaufmann hofft also nie, er riskiert nur. Er versucht dabei, ein Risiko zu finden, das er ganz klar fassen kann. Und dieses Risiko versucht er zu minimieren. Genau da unterscheiden sich Kaufmänner und Gründer von denen, die lieber in einer großen Firma arbeiten: Ein Gründer geht ein Risiko ein, weil er es ganz klar definieren und abschätzen kann.

Würden Sie die gleichen risikoreichen Entscheidungen treffen, wenn Sie nicht die Absicherung durch den Job an der Hochschule Heilbronn hätten?

Straus: Ja, das habe ich auch schon gemacht. Ich war nach dem Studium erstmal freischaffend unterwegs und habe mein erstes Start-Up gegründet. Während dieser Zeit hatte ich keine Absicherung.

Was hat Sie dazu bewogen, trotzdem auf Risiko zu spielen?

Straus: Sie sprechen die ganze Zeit von Risiko. Wie wäre es, wenn wir es mal als Chance betrachten? Ich habe die Chance gesehen, mit meinem Start-Up eine neue Revolution im Bereich der Softwareentwicklung auszubauen. Als Freischaffender habe ich die Chance gesehen, meine eigenen Ideale zu verwirklichen. Da war ein Egoismus dabei, das gebe ich zu. Aber dem habe ich ganz schnell abgeschworen, als sich meine sozialen Bindungen irgendwann in Luft auflösten.

Wie kam es, dass sich das negativ auf Ihre Beziehungen ausgewirkt hat?

Straus: Ich war nicht mehr da. Ich bin ein Landei, bin in zig Vereinen, mache Musik, spiele Fußball, bin beim Roten Kreuz. Wenn man dann drei Jahre im Ausland unterwegs ist, gehen Beziehungen irgendwann flöten. Den Freundeskreis und die Familie vernachlässigt man definitiv. Da habe ich mir gesagt: Entweder hier weitermachen, Burn-out mit 40 und das Konto voller Geld. Oder zurückrudern und andere Dinge machen. Da kam das Angebot hier von der Hochschule. Ich habe auch hier keine Absicherung gesehen, sondern einfach nur eine Chance: Die Chance, in ein Fachgebiet einzusteigen und für mich zu entdecken. Und zurück in die Heimat zu ziehen. Was sich im Nachhinein als perfekte Entscheidung gezeigt hat.

Dann wäre man aber gescheitert.

Straus: Nein, denn die Konsequenz daraus ist: Wenn du beim nächsten Mal vor so einer Entscheidung stehst, dann weißt du, dass es noch einen anderen Weg gibt. Den kannst du dann ausprobieren. Eine Entscheidung hat immer eine Konsequenz, aber sie ist kein Fehler. Würde eine Entscheidung ein Fehler sein, dann würde es dich als Start-Up hemmen, Entscheidungen zu treffen. Und das muss man aus dem Kopf bekommen. Entscheidungen sind ganz, ganz wichtig.

Was wäre denn für Investoren eine positive Art, Entscheidungen zu treffen?

Straus: Investoren achten vor allem darauf, wie klar und strukturiert eine Entscheidungslinie, die sogenannte Roadmap, in dem Unternehmen aufgebaut ist. Daran sieht ein Investor, ob die jungen Gründer wissen, wo sie hinwollen, oder ob sie nur mal grob eine Idee skizziert haben. Wenn da Fragezeichen und keine klaren Plus/Minus-Entscheidungen stehen, dann wird ein Investor skeptisch.

Welche Rolle spielt Geld in einem Start-Up?

Straus: Genau diese Frage macht viele Start-Ups kaputt, gerade in der Gründungsphase. Nach außen hin müssen die Dinge ganz klar geregelt sein: Wer hat wie viel Anteil am Unternehmen? Aber wenn man nicht bereit ist, einfach nur Leistung zu bringen – ohne einen finanziellen Gegenwert zu erwarten – dann funktioniert das Ganze nicht. Sobald Geld intern eine Rolle spielt, machst du dich kaputt.

Was treibt Sie an?

Straus: Vor der Entscheidung, mich hinter so ein Projekt zu klemmen, frage ich mich: Kann ich die Welt damit ein kleines Stückchen besser machen? So habe ich die großen Richtungsentscheidungen in meinem Leben getroffen. Und das Interessante ist: ohne finanziellen Gegenwert. Der kommt dann von alleine. Sonst empfindet man seine Arbeit als Arbeit und nicht als Passion.

Sie empfinden Ihre Arbeit als Leidenschaft?

Straus: Genau, ich habe keine Arbeit. Außer, wenn ich mal mit meinem Vater den Wengert hoch muss, um die Reben zu schneiden oder das Gras weg zu harken. Das ist tatsächlich Arbeit. Alles andere würde ich mit Schaffen oder Erschaffen bezeichnen.

Was haben Sie denn erschaffen?

Straus: Ich erschaffe mit meinen Start-Ups Visionen: Unser Navigationsgürtel zum Beispiel gibt Menschen Orientierung durch eine andere Sinneswahrnehmung. Der Gürtel ist mit Vibratoren ausgestattet, mit denen er dem Träger die Richtung weist. Man empfängt dadurch Informationen, die man nicht lesen oder hören muss. Das ist so intuitiv, dass man sich gar keinen Kopf mehr machen braucht.

Und wie machen Sie mit Ihrem Start-Up die Welt ein kleines bisschen besser?

Straus: Wir werden Blinde durch die taktilen Reize zum Sehen bringen, das ist ein ganz kräftiger Antrieb.

 

Text: Christine Faget, Foto: Andreas Veigel