Heilbronn: Bunte neue Wirtschaftswelt | hochschulenhoch3

Heilbronn: Bunte neue Wirtschaftswelt

15. März 2018 – Hibiskuslimonade. Rätselhafte Räume. Software, die erkennt, wie ein Mensch tickt. Ein Navigationsgürtel. Was diese Dinge verbindet? Die Unternehmen, die diese Ideen vorantreiben, sind aus der Region. Sie stehen dafür, dass sich Heilbronn zur Gründerstadt gemausert hat – was unter anderem dem Engagement der städtischen Wirtschaftsförderung, der Stadtsiedlung, zu deren Immobilienportfolio auch die Innovationsfabrik zählt, und des Investorenvereins Venture Forum Neckar zu verdanken ist. Auf Einladung dieses Trios haben sechs Gründer dieser Tage unter dem Motto Best of Heilbronn ihre Ideen vorgestellt. So bunt ist die regionale Gründerszene mittlerweile.


Ein Bild, so heißt es oft, sage mehr als 1000 Worte. Simon Tschürtz benötigt aber nur 100 Worte, um sich ein genaues Bild eines Menschen zu machen: Wie tickt ein Bewerber? Zwischen den Zeilen steckt die Information, aus der er zusammen mit seinem Geschäftspartner Daniel Spitzer ein Persönlichkeitsprofil erstellt. Auch Marketing-Texte lassen sich so analysieren – und zwar automatisiert. Dahinter steckt eine Kombination aus Psychologie und Informationstechnologie. Neutrale und objektive Bewertungen verspricht Tschürtz, seine Firma mit Sitz in der Innovationsfabrik hat inzwischen acht Mitarbeiter. Und der Geschäftsführer hat dafür eine gute Position bei Audi aufgegeben.

Die Nachfrage nach objektivierter Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen ist offenbar groß. Und nicht nur formale Bewerbungsschreiben können die IT-Psychologen auswerten, sondern auch Facebook-Profile oder Whatsapp-Nachrichten. Oder Werbetexte – so lässt sich feststellen, ob sie zur Marke passen. 40 psychologische Kategorien werden dafür durchforstet.


Nach fast zehn Jahren im Ausland – zuerst in Singapur, dann Maastricht, hat Marc-Simon Perger die Idee mitgebracht, die er zusammen mit seinem Cousin Sebastian und der Firma Cube Escape Wirklichkeit werden ließ: An der Heilbronner Allee und im WTZ-Turm im Zukunftspark betreibt die Firma sogenannte Escape Rooms. Räume, die die Kunden nur wieder verlassen können, wenn sie unterschiedliche Rätsel gelöst haben. In Teamarbeit. „Das ist ein Spiel für Freunde“, erklärt der Unternehmer. Zunehmend werden seine Rätselzimmer aber auch von Firmen gebucht: Friesland-Campina, die Schwarz-Gruppe und Audi zählt er zu seinen Kunden. „Unser Ziel war klein anzufangen, aber nicht klein zu bleiben.“ Etwa alle eineinhalb Jahre werden die Räume umgebaut und mit neuen Rätseln versehen – damit es den Kunden nicht langweilig wird. „Gönnt Euch selbst etwas Zeit und arbeitet an der Firma, nicht in der Firma“, gibt Marc-Simon Perger potenziellen Gründern als Ratschlag mit auf den Weg.


Hibiskusteelimonade – im Sudan, wo Moataz Adam und sein Bruder Mazin ursprünglich herkommen, ist die weit verbreitet. Aber in der Region, in der die beiden seit 1997 leben? „Hier gibt es nichts Vergleichbares“, sagt Moataz Adam, der im Hauptjob als Logistikplaner bei Würth in Künzelsau arbeitet. Auf Festen haben die Neckarsulmer Omas Rezepte ausprobiert – und sind dabei auf eine gute Resonanz gestoßen. Mit der Marke „Hibkuss“ wollten die Brüder das Getränk groß machen – gegen die Markeneintragung gab es allerdings einen Widerspruch. Also müssen die beiden nochmals neu durchstarten. Zuerst in der Region, dann im Land, schließlich bundesweit soll die Hibiskus-Limonade vertrieben werden, bis 2021 sollen es zwei Millionen Flaschen im Jahr sein. „Die Marge ist bei einem Getränk sehr gering. Deswegen ist die Menge wichtig.“ Jetzt fehlt nur noch ein neuer Name.


Als Gründer – und damit Experte für dieses Themenfeld – möchte Waldemar Koch andere junge menschen fürs Unternehmertum begeistern. Verschiedenste Projekte hat er am Laufen – mit denen er das Geld für sein ehrenamtliches Engagement verdienen möchte. Als Concept Hero, zu Deutsch Konzept-Held, bietet er Hilfe bei der Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen an.


Mit seiner Idee ist Ulrich Straus schon länger zugange: Einen Gürtel möchte er auf den Markt bringen, der seine Träger den Weg in die richtige Richtung zeigt. Taktile Navigation nennt der Fachmann das. Einen großen Schritt in Richtung Erfolg hat Straus gerade hinter sich: Im Januar hat er in Heilbronn die Sensovo GmbH gegründet, die ihre Navigationsgürtel zunächst an Wanderer verkaufen möchte. Mögliche Anwendungsfelder sieht er aber auch im Tourismus: Der Gürtel könnte Menschen durch eine fremde Stadt führen. Einen Investor zu finden, der einem Geld zur Umsetzung gibt, „ist alleine noch kein Meilenstein“, sagt Ulrich Straus. Eine Finanzierungsrunde sei nur der Weg zu einem Meilenstein.

Ob die jungen Firmen am Ende Erfolg haben werden? Das weiß niemand. Corinna Albrecht von Venture Forum hat ihr Ziel mit der Veranstaltung „Best of Heilbronn“ aber schon erreicht: „Wir wollen zeigen, welche Start-ups es in Heilbronn schon gibt.“

 

Text: Manfred Stockburger, Fotos: Dennis Mugler