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Warum junge Heilbronner wegziehen

10. Januar 2017 – Eine zukunftsträchtige Bildungslandschaft und ein gutes unternehmerisches Umfeld: Heilbronn entwickelt sich zur Wissensstadt. Trotzdem zieht es viele Junge aus der Region in andere Großstädte: Mehr als 2000 Heilbronner zwischen 18 und 25 Jahren kehren seit 2010 pro Jahr ihrer Heimatstadt den Rücken. Wer wissen möchte, woran das liegt, bekommt bei ehemaligen Heilbronnern klare Antworten.

Keine breite Studiengangauswahl

Jura-Studentin Alexandra Fritzler (20) zog 2015 nach ihrem Abitur von Heilbronn nach Köln. „Heilbronn bietet nur Wirtschaftliches oder Technisches“, erzählt sie von ihrem Problem, den richtigen Studiengang zu finden. „Es herrscht ein klarer Mangel an Gesellschafts- und Rechtswissenschaften.“ Deswegen habe sie die Möglichkeit ergriffen, in eine Universitätsstadt zu ziehen und sich einer neuen Herausforderung zu stellen. „Dort habe ich so viel Auswahl, auch bei den Freizeitaktivitäten, von 3D-Golfen bis zu gefragten Läden wie Bershka. Das kann Heilbronn nicht bieten.“

Laut Fritzler hat Heilbronn aber durchaus Potenzial, eine attraktive Studentenstadt zu werden. Vor allem schätzt sie die Verkehrsanbindung, in Köln müsse sie viel Zug fahren, um von A nach B zu gelangen. „Für eine Ausbildung ist das perfekt in Heilbronn.“ Als Studentenstadt sei ihr Heimatort aber „definitiv ausbaufähig“.

Ähnlich sieht das Abiturient Jakob Neugebauer. Der 18-Jährige entschied sich nach seinem Abschluss für eine Freiwilligenarbeit in Nepal. Wie Alexandra Fritzler verspürte der junge Heilbronner den Reiz nach etwas Neuem. Zwar verbessere Heilbronn sich mit Neubauten wie sie die Dieter-Schwarz-Stiftung auf dem Bildungscampus verwirklicht. Das allein reiche aber nicht aus, findet Jakob Neugebauer: „Es fehlen beispielsweise Treffpunkte für Studenten und Schüler“, erzählt er. Außerdem gibt es seinen Traumstudiengang in Heilbronn nicht. Naturwissenschaften wie Biologie oder Chemie kann man hier nicht studieren: „Heilbronn fehlt eine Universität.“

Dem Mangel an Auswahl stimmt Abiturientin Theresa Krauss(18) zu. Ihr fehlen sozialwissenschaftliche Studiengänge. Auch befriedigt sie die Region an sich nicht: „Heilbronn ist sehr klein, vor allem die Innenstadt. Es ist nicht so lebendig wie in Universitätsstädten. Wenn man um elf Uhr nachts etwas unternehmen möchte, ist niemand mehr auf den Straßen.“ Das falle ihr besonders in ihrem Auslandsjahr auf – zurzeit lebt sie in Chicago. Nach Heilbronn zurück? Das ist keine Option für sie.

Schwerpunkt Betriebswirtschaft

Doch bietet Heilbronn wirklich keine gesellschaftswissenschaftlichen Studiengänge? Ein Blick auf die Auswahl der Hochschule Heilbronn (HHN) zeigt: Am Standort Künzelsau kann man durchaus Kultur-, Freizeit-, Sportmanagement, Marketing- und Medienmanagement oder Sozialmanagement studieren – jedoch nur in Kombination mit Betriebswirtschaftslehre (BWL). Denn die Fakultäten sind spezialisiert auf Wirtschaft, Technik und Informatik. Auch an der Dualen Hochschule in Heilbronn gibt es Website-Gestaltung nicht ohne Wirtschaftsmathematik. Der Studiengang Medien und Kommunikation besteht wie jedes andere Fach zu 70 Prozent aus BWL.

Wegzüge sind aber nur eine Seite der Medaille. 2015 zogen etwa 2800 junge Menschen in die Stadt, in der es mittlerweile mehr als 9000 Studierende gibt. Für junge Leute von außerhalb muss Heilbronn also doch attraktiv sein. Große Firmen wie die Schwarz-Gruppe, Bechtle oder Würth haben ihren Hauptsitz in Heilbronn und Umkreis.

Comeback geplant

Dies biete Studierenden internationale Herausforderungen und optimale Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten, heißt es bei der HHN. Für die Unterbringung der Studierenden gibt es insgesamt zwölf Studentenwohnheime. Die Millioneninvestitionen der Schwarz-Stiftung mitten in der Region tragen zur Entwicklung Heilbronns zu einer Studentenstadt bei.

Mit solchen Argumenten lassen sich die Weggezogenen nur schwer überzeugen, ganz unmöglich ist der Weg zurück nach Heilbronn aber nicht. „Eines Tages komme ich zurück“, sagt Alexandra Fritzler nach eineinhalb Jahren Köln. Seit dem sie dort lebt, habe sie oft das Verlangen nach einem ruhigen Ort – nach Heilbronn. „Geschehnisse wie die Silvesternacht oder potenzielle Angriffe auf Großstädte machen mir ein mulmiges Gefühl. Hier ist es einfach sehr groß und unpersönlich“, erzählt die 20-Jährige. „Deshalb kann ich mir gut vorstellen, irgendwann nach Heilbronn und zu meinen Freunden zurückzukehren.“

 

 

Text: Hilal Tahmaz, Grafik: Heilbronner Stimme