Die Super Bowl-Nacht in Heilbronn | hochschulenhoch3

Die Super Bowl-Nacht in Heilbronn

5. Februar 2018 – Bei einem nächtlichen Spaziergang durch Heilbronn ist nichts davon zu sehen, dass gerade eines der größten Sportereignisse der Welt über die Bühne geht. Hinter den meisten Fenstern ist es dunkel. Die wenigen Leute auf der Straße lassen sich an einer Hand abzählen. Der Super Bowl ist eben kein Endspiel um eine Fußball-Weltmeisterschaft. Es gibt kein großes Public Viewing, keine Hupkonzerte, keine Menschenmassen auf den Straßen.

Die American-Football-Enthusiasten, die sich die Nacht um die Ohren schlagen, um sich das Endspiel der US-amerikanischen Profiliga NFL zwischen den New England Patriots und den Philadelphia Eagles anzuschauen, sind nicht unmittelbar zu finden. Doch es sind nicht wenige, die vor den Flatscreens sitzen, um gebannt das Geschehen im 7153 Kilometer entfernten US Bank Stadium von Minneapolis zu verfolgen.

Erste Anlaufstation ist die Sportsbar Doppelpass in der Unteren Neckarstraße. Hier haben sich kurz nach Spielbeginn um 0.30 Uhr rund 30 Football-Fans eingefunden. Es herrscht eine gelassene Atmosphäre, kaum jemand ist Vollblutfan eines der beiden Teams, manch einer nimmt den Super Bowl eher als willkommene Abwechslung. „Wir sind gar nicht extra wegen des Spiels gekommen, aber jetzt schauen wir es uns gerne an“, sagt Ewald Welspillich, der gemütlich mit seinem Kumpel Radu Pop beim Bier sitzt. Die Regeln sind den beiden Mittvierzigern geläufig und sie sind im Bezug auf die beiden Kontrahenten voll im Bilde.

„Wir drücken den Eagles die Daumen. Die Dominanz der Patriots mit Quarterback Tom Brady endet heute“, ist sich Welspillich sicher. Wie recht er mit dieser Einschätzung hat, erfuhr er allerdings erst knapp vier Stunden später.

Burger, Hot Dogs und amerikanisches Bier in Horkheim

Ortswechsel. Ist in Heilbronn schon sehr wenig los, dann wirkt Horkheim um 1.30 Uhr wie ausgestorben. Doch auch im drittkleinsten Stadtteil gibt es Freunde des beliebtesten US-Sports. Bei Timo Hirschmann hat sich eine fünfköpfige Männerrunde versammelt. Allesamt frühere Horkheimer Handballer. Max Schulze und Jan König spielen inzwischen in Weinsberg, Stefan Fähnle ist ihr Trainer dort und Michael Hau darf sowieso nicht fehlen.

Gastgeber Hirschmann hat keine Kosten und Mühen gescheut, kredenzt seinen Freunden Burger, Hot Dogs und amerikanisches Bier. „Wir treffen uns bestimmt schon seit fünf Jahren, um den Super Bowl zu schauen“, sagt Fähnle. Die Handballer verstehen also durchaus was vom American Football. Hirschmann glänzt sogar mit sorgsam vorbereiteten Fakten: „Im Stadion gibt es die größten Glastüren der Welt, rund 30 Meter hoch.“ Die Runde staunt. Kumpel Schulze überrascht mit Kenntnissen abseits des Spielgeschehens. Bei einem Kameraschwenk ins Publikum erkennt er sofort die kanadische Schauspielerin Cobie Smulders auf der Tribüne: „Hej, das ist doch Robin Scherbatsky aus How I met your mother!“ Er erntet dafür aber eher Spott als Respekt. Keine Spieler kennen, aber hübsche Seriendarstellerinnen.

Heilbronn Miners schauen in Frankenbacher Lokal

Bei der dritten und letzten Station des kleinen Heilbronner Super-Bowl-Hoppings sind sämtliche Protagonisten auf dem Kunstrasen bestens bekannt. Die Regionalliga-Footballer der Heilbronn Miners haben in die Gaststätte „Zum Reegen“ in Frankenbach geladen. Rund 140 Vereinsmitglieder und Freunde sind gekommen. Es gibt ein amerikanisches Buffet mit Spare Ribs als kulinarischem Höhepunkt und zwei große Leinwände, auf denen das Spiel übertragen wird.

Arm in Arm stehen Eagles-Fan Benjamin Schmidt und Patriots-Anhänger Mario Palasti beisammen. „Bei Philadelphia war die gesamte herausragende Saison ausschlaggebend dafür, dass sie am Ende auch das Finale gewonnen haben“, ist Schmidt überzeugt. Palasti grämt die Niederlage seines Teams wenig: „Das war ein Spiel auf Augenhöhe, der Sieg der Eagles geht absolut in Ordnung. Das war einfach ein super Super Bowl.“ Ohne Frage. Selbst in Heilbronn. Wenn auch ein nächtlicher Spaziergänger normalerweise nichts davon mitbekommen hätte.

 

Text: Stephan Sonntag, Foto: Marc Schmerbeck