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Heilbronner Band "On the Roof" treten vor Jury

4. Mai 2017 – Nervös tappt Sebastian Klug (21) von einem Bein auf das andere: „Jetzt werden wir geröstet.“ Mit seinen Band-Kollegen Florian Arlt (21), Kevin Kühn (18) und Steffen Beurer (20) wartet der Sänger der Heilbronner Progressive Rockband On the Roof vor der Tür zum Café Wilhelm darauf, aufgerufen zu werden.

Sich der Jury stellen

Die Popbüros Baden-Württemberg und die Landesanstalt für Kommunikation (LFK) haben rund 90 Bands und Nachwuchs-Musiker eingeladen, sich beim Demo-Marathon für den Play-Live-Förderpreis während des vierten Kessel-Kongresses in Heilbronn, Karlsruhe und Stuttgart einer erfahrenen Jury zu stellen: Was können die jungen Künstler verbessern, um in der harten Branche aufzufallen? Im Café sitzen Produzent Dennis Ward, Musik-Journalistin Dana Hoffmann, Event-Veranstalter Elmar Jäger und der Leiter des Stuttgarter Popbüros, Pierre Seidel. Geduldig hören sie sich die Aufnahmen von On the Roof an. Für die Jury-Mitglieder ist der Tag tatsächlich ein Marathon – eine Band nach der anderen rauscht durch ihr kritisches Gehör, holt sich Feedback ab zu den drei M’s des Geschäfts: Musik, Medienwirksamkeit, Marketing.

Die Jungs von On the Roof lauschen aufmerksam. Für sie ist es der perfekte Zeitpunkt für Verbesserungsvorschläge: Gerade erst haben sie Kühn als neuen Schlagzeuger angeheuert und renovieren nun einen alten Gewölbekeller – bisher mussten die Heilbronner eine dreiviertel Stunde bis zum Proberaum in Wüstenrot fahren.

Warum kein kulturelles Zentrum in Heilbronn?

Nicht gerade ideale Voraussetzungen zum Durchstarten, findet Daniel Schütt, Leiter des Popbüros Heilbronn-Franken und Mit-Organisator des Kessel-Kongresses. „Es ist ein Unding, dass Heilbronn die einzige baden-württembergische Großstadt ohne freies kulturelles Zentrum ist“, sagt er und ist mit Unterstützung der Stadt bereits auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ein solches Zentrum. Auch der Heilbronner Rapper Alexander Stegmeyer (27), bekannt unter dem Küntlernamen Lax, bemängelt: „Es gibt hier viele Leute, die Musik machen, aber keinen Ort, wo man weiß: Da sind die anderen.“ Für ihn ist das ein weiterer Grund, zum Kessel-Kongress zu kommen: „Hier trifft man andere Künstler, es gibt einen kreativen Austausch.“

Der Austausch steht klar im Vordergrund an diesem Tag – auch der mit Experten: Im Nebenraum legt Radio-Ton-Moderator Mark Brünner dem Nachwuchs nahe, aktiv bei Radiosendern anzurufen, die zur Musik passen. „Wählt eure Sender aus“, ist sein Tipp.

Mehr Mut für die Musik

On the Roof muss indes am Gesang arbeiten: „Da ist leider nichts hängen geblieben“, kritisiert Dennis Ward. Weitere Kritikpunkte: Erscheinung und Image sollte die Band nicht unterschätzen und ruhig mal mit modetechnisch bewanderten Freunden shoppen gehen. Außerdem gehöre die Facebook-Seite verschönert. Popbüro-Leiter Seidel ermutigt die Jungs und sieht Potenzial: „Euer Riesen-Plus ist, dass ihr noch jung seid.“

Zurück vor der Tür des Cafés lassen die jungen Künstler die Kritik Revue passieren. Mit vielen Punkten hatten sie gerechnet: „Das sind genau die Sachen, die wir jedes Mal diskutieren“, merkt Klug selbstkritisch an. "Jetzt hocken wir uns hin und bearbeiten die Kritik.“

Pierre Seidel hört in diesem Jahr beim Demo-Marathon keinen Trend heraus. Generell beobachtet er im Musik-Business jedoch: „Wenn die Welt da draußen zugrunde geht, dann macht man lieber Sachen, die nicht anecken.“ Seine unmissverständliche Botschaft an diesem Tag: „Traut euch was!“

 

Text und Foto: Christine Faget