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Kunst mit dem Kugelschreiber

13. Juli 2017 – Wer den Kunstverein Heilbronn in der Kunsthalle Vogelmann betritt, erlebt einen irren Anblick. Sage und schreibe 21 000 blaue Bic-Kugelschreiber hängen an der Wand des kleineren der beiden Ausstellungsräume. Zehn Leute haben sie eine Woche lang von morgens bis abends mit Tesafilm an die Wand geklebt. Und dabei 3000 Meter des Klebestreifens verbraucht.

Was jetzt wie ein gleichmäßig aufgetragener Wandverputz wirkt, ist Bestandteil der Ausstellung des österreichischen Künstlers Herbert Hinteregger. Während die Kugelschreiber im ersten Raum die Wand „bespielen“, wandern die Bilder des 47-jährigen Tirolers im zweiten Saal von der Wand in den Raum, genauer gesagt auf den Boden. Die mit Kugelschreibertinte gemalten unterschiedlich großen und dicken Bilder mutieren zu Objekten im Raum und bilden, wenn man so will, ein zweiteiliges großes Bodenrelief, einem Floß nicht ganz unähnlich.

Bilder auf dem Boden

Herbert Hinteregger lässt die in ihrer Konsistenz sehr zähe Kugelschreibertinte langsam aus der Mine tropfen, bevor er sie auf Leinwand, auf Stoffe wie Brokat, Jeans, Leinen oder Tüll, auf Noppenfolie, Plexiglas oder Spiegel aufträgt. Anschließend müssen die Bilder einen bis vier Monate lang liegend trocknen. Jetzt versteht man, worum es ihm in seiner Kunst geht: um Entschleunigung. Und um ein Spiel mit unseren festgefahrenen Sehgewohnheiten. Denn unsere Augen suchen Bilder an den Wänden, nicht auf dem Boden. Je nach Größe schafft Herbert Hinteregger zehn bis 15 Bilder pro Jahr, der Kugelschreiberverbrauch liegt bei mehr als 10 000 Stück.

Bezug zu Natur und Umgebung

In manchen Bildern hat Hinteregger Sand aus dem Wilden-Kaiser-Gebiet in Tirol, von Ostsee- und Nordseestränden, aus Carrara (grünschimmernd) oder vom Ätna (schwarz) verarbeitet. So stehen seine Arbeiten in ganz unterschiedlichen Formaten immer auch im Bezug zur Umgebung, zur Natur der Orte, an denen sie entstanden sind.

Der Besucher muss sich der Ausstellungsanordnung auf dem Boden fügen. Er kann nicht mal eben ganz nah ran an ein Bild in der Mitte des „Floßes“, sondern muss um das Bodenbild herumwandern. Zwei Spiegel erwecken die Illusion eines dritten Raumes innerhalb der Heilbronner Ausstellung.

Ausstellungseröffnung

Herbert Hintereggers „Untitled (Flow)“ wird am Freitag um 19 Uhr beim Kunstverein Heilbronn in der Kunsthalle Vogelmann, Allee 28, eröffnet und dauert bis 10. September. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der Taxispalais Kunsthalle Tirol in Innsbruck. Ein Katalog ist bei Snoeck erschienen.

Text: Andreas Sommer, Fotos: Andreas Veigel