Julia Engelmann: Grapefruit zum Frühstück | hochschulenhoch3

Eine Grapefruit zum Frühstück

9. November 2017 – „Ich bin Julia, ich schreibe Gedichte.“ So betritt sie die Bühne, die junge Bremerin. Schon vergräbt sie ihre Hand in einer sehr, sehr tiefen Kiste mit Konfetti. Ob man sich auf einen Kindergeburtstag verlaufen hat? Aber nein, Julia Engelmann hatte doch erst vor einem halben Jahr an Ort und Stelle in ihren 25. Geburtstag hineingefeiert.

Um die 1000 Fans feierten damals in der Harmonie mit. Viele sind nun wiedergekommen und haben ihre Freunde mitgebracht, besser ihre Freundinnen. Ja, es ist ein Freundinnen-Abend, den Julia Engelmann in der mit 1400 Fans bestens besuchten Harmonie zelebrieren wird: Mit Gedichten, die die selbsternannte „stille Poetin“ in der rhythmisch-rasanten Darstellungsform der Slam-Poeten vorträgt oder, der Unterschied ist graduell, in Liedform.

Martin und Lukas begleiten sie, um ihre einfachen Lebensbeichten in ebenso unkomplizierte Songs zu verwandeln. Das Leben kann so einfach sein. Ist es aber nicht, nicht bei Julia Engelmann, der gar nicht so stillen, ganze Silben verschluckenden Dampfplauderin, die spricht und singt und Konfetti wirft, als ob es kein Morgen geben würde.

Die Zeitgenossin, die auch noch Lösungen parat hat

„Warte nicht auf den Startschuss“, gibt sie ihren Fans, ganz die Pädgagogin, mit auf den Weg. „Warte nicht auf das Glück.“ Das Leben ist hier und jetzt, auch auf die Gefahr hin, dass man überrollt wird. Ihre Diagnose steht dann auch schon einmal fest, Ti Emm Ei heißt sie, Too much Information. Zu viele Informationen, zu viele Optionen, zu viele Herausforderungen.

Das junge Publikum, selbst in Digitalien aufgewachsen, weiß, was es an seiner Julia Engelmann hat. Aus der Seele spricht sie ihnen, sie ist ihre Zeitgenossin, die auch noch Lösungen parat hat. Ein Song von Coldplay rettet Leben, so Engelmann, dito eine Grapefruit zum Frühstück. Ach Julia, du selbstbewusste Simplifiziererin in komplizierten Zeiten, immer stehst du deinen Freunden zur Seite. Und wenn nicht mit einem Rat, so doch mit einer beruhigenden Floskel. „Grüner wird’s nicht“, heißt es dann bei ihr, „Maybe I should kehr vor my own Haustür“, „Mein Herz ist wie das Berghain, niemand kommt hinein“ oder „Ich bin kein Modelmädchen.“ Wer wollte ihr nicht zustimmen, ist sie nicht perfekt? Und so politisch korrekt? Wenn es doch so einfach wäre, wenn aus ihren Allgemeinplätzchen eine Quintessenz zu ziehen wäre, aus ihren Poesiealbum-Weisheiten ein Fünkchen Wahrheit.

Grund genug, sich diesem Phänomen Julia Engelmann zuzuwenden, die als Shootingstar in der Poetryslam-Szene gilt, in der vieles möglich ist und sich die Protagonisten an jedem Wochenende auf immer neuen Bühnen und immer neuen Meisterschaften treffen. Aber eine Slammerin, die mit einem Solo-Programm ganze Hallen füllt, das ist einzigartig. Youtube hat dieses Phänomen Engelmann ermöglicht, das Video „Eines Tages, Baby“ hatte sich seit 2014 viral verbreitet.

Über zehn Millionen Clicks sind die Ausbeute und eine treu ergebene Community, die ihr nun ins analoge Leben gefolgt ist und sie in der Harmonie andächtig befragt, wenn Mutter Engelmann mit einem Mikro durch den Saal zieht.


Text: Michaela Adick, Foto: Ralf Seidel