"Igor" rettet Frauen aus schlechten Tinder-Dates | hochschulenhoch3

„Igor“ rettet Frauen aus schlechten Tinder-Dates

9. Februar 2017 – Online präsentierte er sich wie der Traummann schlechthin: charmant, intelligent, auf seinen Bildern blickt er im Maßanzug nachdenklich in die Ferne oder lässt vor dem Machu Picchu seine Muskeln spielen. Der Kerl, der beim ersten Treffen im Restaurant auftaucht, hat mit diesem Traummann dann aber so gar nichts mehr gemein und wird im schlimmsten Fall auch noch aufdringlich. Seit Tinder und Co massentauglich sind, gibt es immer mehr Blind Dates. Aber was, wenn bei der ersten Begegnung im realen Leben alles schief läuft, man sich unwohl fühlt und nur noch weg möchte? 

Findet das Date in der Heilbronner Burgerbar Chillers statt, ist Rettung in Sicht. „Tinder-Date schiefgelaufen?“ steht da auf einem Schild, das über dem Waschbecken in der Damentoilette hängt. „Sieht er nicht aus wie auf dem Foto oder ist er dir unheimlich? Wenn dein Date nicht gut läuft, melde dich an der Bar, frag nach Igor und wir holen dich da raus und/oder bestellen dir ein Taxi. Deine Sicherheit und dein Spaß ist unser oberstes Anliegen.“

Helfen statt wegschauen

Schon seit über einem Jahr hängt das Schild im Chillers – nach Igor hat an der Bar bisher trotzdem noch niemand gefragt. „Aber wir haben sehr viel tolle Resonanz von Frauen bekommen“, sagt Inhaber und Geschäftsführer Dominik Herz. Ihm geht es darum, zu signalisieren, dass man hier bereit ist zu helfen, „in einer Gesellschaft, in der normalerweise lieber weggeschaut wird“. Vor allem Frauen trauen sich seiner Einschätzung nach seltener nach draußen, vor allem wenn sie wie zum Chillers durch dunkle Gassen gehen müssten. Und erst recht, wenn sie dort einen gänzlich Unbekannten treffen, den sie noch nicht richtig einschätzen können.

Vorgemacht hat die Tinder-Rettungs-Aktion im letzten Jahr die Brickyard´s Bar im britischen St. Alban. Dort können Gäste, die sich unwohl fühlen, nach Rachelle oder Jennifer fragen.

Nachahmer gibt es weltweit. Eine Hooters-Filiale in Südafrika geht noch weiter: Wer sich belästigt fühlt, kann sich hier einen Angel-Shot bestellen. Wer den Shot pur ordert, wird von der Barkeeperin bis zum Fahrzeug begleitet, on the rocks wird zusätzlich ein Taxi gerufen. Und wenn ein Angel-Shot mit Zitrone bestellt wird, ruft das Personal die Polizei.

Kennenlernen findet online statt im Club statt

Dass es im Chillers einmal so weit kommt, kann sich Herz nicht vorstellen. Es geht mehr darum, sich sicher fühlen zu können. Früher, sagt der Chillers-Geschäftsführer, sei man schließlich in Bars und Restaurants gegangen, um Leute kennen zu lernen. Heute funktioniere das sehr stark übers Internet. „Vielleicht ist der andere mir bei einem realen Treffen dann aber doch irgendwie unheimlich“, sagt Herz. „In der Disko würde man so jemanden gar nicht erst ansprechen. Aber wenn man sich dann gegenüber sitzt, fragt man sich, wie man aus der Situation wieder herauskommt.“ 

Auf dem Herren-WC hängt übrigens kein solches Schild. „Ich glaube, Männer würden in so einer Situation sagen: Das ist nichts für mich, ich gehe jetzt einfach.“ Frauen scheuten sich da eher, glaubt Herz, wüssten vielleicht nicht, ob der Mann sie auf dem Heimweg verfolgt. Trotzdem scheint das Schild in der Region bisher eine Ausnahme zu sein, viele Frauen hätten berichtet, dass sie so etwas noch nirgendwo gesehen haben. „Aber ich kann es nicht genau sagen“, sagt Herz lachend. „Ich komme ja normalerweise nicht aufs Frauen-WC.“


Text und Foto: Franziska Türk