Gegen den Wegwerfkonsum: Secondhand ist im Trend | hochschulenhoch3

Gegen den Wegwerfkonsum: Secondhand ist Trend

12. Februar 2018 – Kleidung kaufen, die schon mal jemand getragen hat? „In manchen Kreisen ist das, als ob man bankrott wäre“, berichtet Maria Johannisson von Kundinnen, die sich nicht trauen zu erzählen, dass sie im Secondhand-Shop gekauft haben. Andere haben sich genau das zum Prinzip gemacht: „Einige kaufen bewusst nur Sachen aus zweiter Hand, weil sie den Wegwerfmode-Konsum nicht mehr mitmachen wollen“, sagt die Mitinhaberin von Sisteria in der Heilbronner Klostergasse.

Vor gut sechs Jahren hatten fünf Frauen die Idee zu dem Laden: mit einer Mischung aus Secondhand-Mode und schönen Accessoires einen „Kontrapunkt zu setzen“ und etwas Besonderes im Heilbronner Einzelhandel zu bieten. Sie wollten bewusst dem muffige Image getragener Kleidung entgegenwirken – im Laden steht ein Sofa, es gibt Tee oder Kaffee.

Das Konzept funktioniert: „Jedes Jahr läuft es ein bisschen besser“, freut sich Maria Johannisson über den Trend zu Secondhand - möglicherweise steigt das Bewusstsein für die Probleme in der Textilherstellung. Das Sortiment von Sisteria reicht von Jeans, coolen Shirts und Sneakers für junge Frauen hin zum Business Outfit für Geschäftsfrauen.

7000 Liter Wasser für eine Jeans

Prekäre Arbeitsbedingungen in Fabriken, ein hoher Wasserverbrauch, bedenkliche Chemikalien in der Herstellung, Pestizideinsatz beim Baumwollanbau – Kleidung kann kaum noch ohne schlechtes Gewissen gekauft werden. 7000 Liter Wasser braucht es alleine, um eine Jeans herzustellen, haben Umweltverbände errechnet.

Volle Läden, volle Schränke: „Weil Mode so günstig geworden ist, schafft man sich viel mehr an als man braucht“, weiß Johannisson. Zwölf Kilo Kleidung kauft jeder Deutsche pro Jahr – viel mehr, als man anziehen kann. Wohin also mit dem Aussortierten und den Zu-viel-Käufen, den Blusen, Röcken, Hosen oder Kleidern, die kaum oder nie getragen im Schrank hängen? Wer seine Sachen auf Kommission zum Verkauf zu Sisteria bringt, kann damit nicht nur Geld einnehmen.

Ressourcen schonen

Die längere Lebensdauer von Kleidern schont Ressourcen. „Viele freuen sich, wenn der Fehlkauf einer anderen Trägerin gefällt, und wenn schöne Kleidung nicht in der Altkleidersammlung landet“, sagt Johannisson. Kundinnen kommen nicht nur wegen des guten Gewissens: Auch der Geldbeutel spielt eine Rolle. Viele können sich Neues nicht leisten, sagt die Händlerin. Studentinnen sind jedoch selten dabei, „das wundert uns ein bisschen“, sagt die Händlerin. Im Vergleich mit großen Studentenstädten hat Heilbronn nur ein kleines Angebot an Secondhand-Geschäften zu bieten: Lady Luxury Fashion in der Lammgasse gehört dazu und das Second Chance in der Karlstraße. Auch der Diakonieladen gegenüber vom Wollhaus bietet gebrauchte Mode, ebenso das Secondhand-Kaufhaus der Aufbaugilde in der Austraße.

Modekonsum

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat den Kleiderkonsum in Deutschland untersucht. Erwachsene zwischen 18 und 69 Jahren besitzen im Schnitt 95 Kleidungsstücke (ohne Wäsche und Socken), bei Frauen sind es 118, bei Männern 73. Das sind in Summe mehr als fünf Milliarden Kleidungsstücke. Knapp 40 Prozent der Pullover, Hosen oder Röcke − mehr als zwei Milliarden − hängen die meiste Zeit im Kleiderschrank und werden nie oder nur selten getragen. Nur ein gutes Drittel wird regelmäßig angezogen. Auch die Lebensdauer wird geringer: Nach spätestens drei Jahren ist mehr als die Hälfte der Teile ausgemustert.

 

Text: Bärbel Kistner, Fotos: Andreas Veigel