Fit für die Artbrau in Heilbronn | hochschulenhoch3

Fit für die Artbrau in Heilbronn

4. April 2018 – Ein lockeres Schwenken. Ein prüfender Blick. Dann riechen. Und endlich die Erkenntnis: "Grapefruit, Mango und etwas Wacholder." Wer jetzt glaubt, bei einer Weinprobe gelandet zu sein, irrt sich gewaltig. Seit 2004 können sich Liebhaber der Braukunst bei der Genussakademie Bayern zum Biersommelier ausbilden lassen.

Wenn man nach einem zweiwöchigen Intensivkurs sein Diplom in der Tasche hat, kennt man die Antwort auf die großen Fragen des Lebens: Welches Glas passt zu welchem Bier? Welches Bier zu welchem Essen? Und welche Aromen hat es?

Einer, der die Ausbildung absolviert hat, ist Christoph Vasicek. Mit seinem Unternehmen Beer Revolution führt er seitdem Tastings durch oder ist auf Messen und Veranstaltungen unterwegs. An diesem Wochenende etwa bei der Artbrau in Heilbronn-Böckingen."Ich will den Leuten vermitteln, dass Bier mehr ist als Pils und Weizen. Auch, wenn das in einer Weinregion nicht so einfach ist", sagt der 28-Jährige aus Kleinlangheim bei Würzburg schmunzelnd.

"Kreatives Bier trifft es besser"

Aber was ist das eigentlich: Craft Beer? Im Grunde handelt es sich um ein Bier, das von einer unabhängigen Brauerei im Handwerk hergestellt wurde. Selbst einige deutsche Großhersteller haben den Begriff inzwischen entdeckt und heben das Konzept damit ein bisschen aus den Angeln. Craft Beer, das seinen Ursprung in den USA hat, ist eben angesagt. Vasicek definiert es deshalb anders. "Kreatives Bier trifft es besser", sagt er. "Mit hochwertigen Zutaten, unkonventionellen Geschmacksrichtungen und dem Ziel, alte Brautraditionen wiederzubeleben."

Verkosten ist ja immer gut – aber welche Unterschiede gibt es dabei zwischen Wein und Bier? Ganz wichtig: Kenner von Gerstensaft spucken den Probierschluck auf keinen Fall wieder aus, weiß Vasicek. "Da dreht jeder Brauer durch." Denn der Abgang ist für sie besonders wichtig. "Vor kurzem habe ich ein Bier getrunken, das intensiv nach Schokolade geschmeckt hat. Im Nachgang kam dann plötzlich noch Kirsche dazu", erinnert sich der 28-Jährige. "Schwarzwälderkirsch sozusagen."

Vorbereitung muss sein

Bevor es ans Trinken geht, trifft Vasicek diverse Vorbereitungen. Entgegen der landläufigen Meinung ist die richtige Temperatur für ein Bier nicht einfach nur "kalt". Sie liegt zwischen zwei und 16 Grad, je nach Sorte. "Bei Craft-Beer ist sie oft auf dem Etikett angegeben", weiß der Profi. Faustformel: je mehr Alkohol, desto höher die Temperatur. Ein schöner Eisbock darf auch bei zwölf bis 14 Grad verkostet werden. Erst dann sind die Aromen voll da. Im Zweifel genießt man sein Bierchen sogar lieber etwas wärmer als zu kalt.

Vorher stellt sich noch die Frage nach dem Degustationsglas. Klar, Kölsch kommt in der Stange auf den Tisch, Weizen im Weißbierglas. Für eine Verkostung aller Sorten benutzen Profis das "Teku". Es ist unten bauchig, wird nach oben hin schmaler und hat einen dünnen Stiel. "So kann sich das Aroma gut aufstauen", sagt Vasicek.

Nach dem Einschenken geht's dann aber erstmal ans Betrachten. Beim Bier reicht die Farbpalette von lichten Gelbtönen über bernsteinfarbene, bräunliche bis hin zu schwarzen Nuancen. Auch die Trübung ist wichtig, genauso wie ein guter Schaum. Er sollte feinporig und haltbar sein, es gibt aber Ausnahmen. Ein Qualitätsmerkmal ist außerdem die Resenz, also die Spritzigkeit. Sein Glas zu schwenken ist übrigens wie beim Wein nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht.

Aroma von Pfeffer bis Zitrone

Wenn man die Nase anschließend in den bauchigen Teil des Glases hält, nimmt man die verschiedenen Aromen intensiv wahr. Am besten mit leicht geöffnetem Mund den Duft durch die Nase einziehen. Durch die Nase atmet man auch wieder aus – aber nicht ins Glas. "Wasser ist der Körper des Bieres", sagt Vasicek. Hopfen bringt die Würze, er sorgt zum Beispiel für Pfeffer oder Zitronen-Aromen. Malz ist die Seele, bringt Rauch oder Toast ins Glas. Hefe ist der Geist des Bieres. Sie zeigt sich in Noten von Nelke über Birne bis hin zu – tatsächlich – Klebstoff.

Dann wird endlich getrunken. Genießer kosten einen kleinen Schluck und verteilen ihn im ganzen Mundraum. Die Geschmacksknospen der Zunge reagieren nämlich nur an bestimmten Stellen auf Süße, Säure oder Bittergeschmack. Zuerst geht es aber ums Mundgefühl. Samtig weich, vollmundig, schaumig oder moussierend? Im Abgang dreht sich dann alles um den Gesamteindruck. Ein gutes Bier bleibt und erzeugt ein Aha-Erlebnis. Ganz einfach: Es macht Lust auf den nächsten Schluck.

Alles wichtige zur Artbrau

19 Brauereien präsentieren bei der Artbrau am Freitag und Samstag, 6. und 7. April, im Süddeutschen Eisenbahnmuseum in Heilbronn-Böckingen ihre Kreationen. Besucher können Spezialitäten wie Pale Ale, Stouts, Bockbiere und viele mehr probieren, sich mit den Brauern und Sommeliers austauschen und Streetfood genießen. Es warten geführte Craft-Beer-Tastings, Seminare sowie eine Bierkrimilesung des Autors Thomas Lang. Es wird live gebraut. Auch Gin und eine kleine Auswahl an Wein sind im Angebot. Tickets gibt es für fünf Euro an der Tageskasse. Ein Mindestverzehr von zwei Euro ist vorausgesetzt. Öffnungszeiten: Freitag von 17 bis 24 Uhr, Samstag von 16 bis 24 Uhr. Am 5. und 6. Oktober findet zum ersten Mal die Artwein mit regionalen Winzern statt. 

Text: Vanessa Müller, Foto: Mario Berger, Grafik: Heilbronner Stimme