Beim Jodeln ist in Heilbronn Feingefühl gefragt | hochschulenhoch3

Beim Jodeln ist in Heilbronn Feingefühl gefragt

15. Januar 2018 – Einfach herunterladen, Richtlinien akzeptieren und los geht’s: Wer die Jodel-App zum ersten Mal öffnet, ist womöglich überrascht, wie schnell und einfach man zum Jodler wird. Keine Registrierung, kein Profil – stattdessen wird gleich der lokale Feed mit den neuesten Posts aus der näheren Umgebung angezeigt.

Aus einem Umkreis von zehn Kilometern laufen die Kurznachrichten auf dem Display des Smartphones ein. Ein Nutzer fragt, wo man in der Heilbronner Innenstadt etwas Gutes zu essen bekommt. Ein anderer will wissen, ob am Abend jemand Lust auf ein Treffen am Neckarufer hat. Ein Dritter jodelt ein Foto von seinem Balkon, und ein Vierter findet ein Zitat seines Professors so witzig, dass es nun nicht mehr im Vorlesungssaal der Hochschule verhallt, sondern in der Jodel-Community noch eine Weile länger für Lacher sorgt. So lange nämlich, bis es von den nächsten 150 Posts verdrängt wird.

Unbekannte  Verfasser

Die Nachrichten sind anonym: Als Verfassername steht „OJ“ über den Beiträgen – kurz für „Original Jodler“. Wer auf einen Jodel antwortet, bekommt einfach eine Zahl zugeordnet. Dieses Feature wurde vor einiger Zeit eingeführt, um zu verhindern, dass ein einziger Jodler sich als mehrere ausgibt – was in der Anfangsphase der App möglich war, da die antwortenden Nutzer sich nicht voneinander unterscheiden ließen.

An den Up- und Downvotes – positiven und negativen Stimmen – lässt sich ablesen, wie gut ein Beitrag bei den Nutzern ankommt. Unangemessene Posts sind manchmal schon wieder verschwunden, bevor einer der Jodel-Moderatoren sie sieht: Erhält ein Jodel fünf Downvotes, wird er automatisch gelöscht. Ansonsten können anstößige Beiträge aber auch ganz klassisch gemeldet werden.

Keine geschönten Profilbilder

„Das Voting-Feature funktioniert außerordentlich gut, besonders in Deutschland“, erklärt Fatih Aydin. Der 28-Jährige wohnt in Berlin und leitet von dort aus die globale Kommunikation der Jodel Venture GmbH. Für die Anonymität, die Jodel seinen Nutzern so großzügig gewährt, hat er auch gleich Argumente parat. „So stellen wir sicher, dass sich Nutzer über relevante Inhalte stark machen und nicht über geschönte Profilbilder.“

Die Schattenseite der Anonymität gibt es aber auch: In der Schweiz wurde einem Tankstellenbesitzer auf Jodel nachgesagt, er würde sein Benzin strecken. In einem anderen Fall warfen Jodler einer Person Drogenhandel und Körperverletzung vor. Da die Nutzer jedoch über die IP-Adresse ermittelt werden können, müssen die Jodler nun in beiden Fällen mit einer Anklage rechnen. „Bei Gesetzesbrüchen würden wir mit der Polizei zusammenarbeiten“, stellt Aydin klar.

Zielgruppe Studierende

In erster Linie richtet sich Jodel an Studierende und junge Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren, sagt Aydin. „Studenten machen immer noch 80 Prozent unserer Community aus, auch in Heilbronn.“ Auch junge Erwerbstätige und Akademiker heiße man jedoch willkommen. Dafür, dass man im Feed manchmal lange scrollen muss, um einen Jodel mit klassischem Studenten-Thema zu finden, hat der Kommunikationschef eine einfache Erklärung: „Irgendwann ist schließlich auch mal Freizeit.“

Seine Freizeit nutzt Max Windmueller gern, um neue Bekanntschaften zu machen. Dafür sind Jodel und die Chat-Anwendung Kik das Mittel der Wahl des Studenten aus Bad Friedrichshall. Seit Anfang 2016 hat der 30-Jährige die Jodel-App auf seinem Smartphone, war damit schon in Hamburg und München, aber auch in Frankreich und Schweden unterwegs – und berichtet von ganz unterschiedlichen Erfahrungen an den verschiedenen Orten.

Jodel-Kulturen

„Wenn du mich fragst, gibt es so etwas wie Jodel-Kulturen“, meint er. In Frankreich verwende man beim Jodeln, wie generell in der Chat-Kommunikation, sehr viele Abkürzungen. „Da muss man sich als Außenstehender erst mal einlesen.“ In Hamburg seien Jodler offener und würden öfter Selfies an bekannten Orten posten. Zurückhaltender komme ihm die Jodel-Community in Heilbronn vor: „Als ich nach dem Auslandsstudium hierher zurück kam, habe ich gejodelt: Bin wieder im Ländle, wer hätte Bock, was zu starten? Da wurde ich erst mal rausgevotet.“

Im ersten Moment sei er entrüstet gewesen, berichtet Max. Dann habe er die Heilbronner Jodler etwas länger beobachtet und erkannt: „Man braucht hierzulande einfach etwas mehr Feingefühl.“ Nach seiner Zeit in Schweden fiel es ihm eine Zeit lang schwer, wieder in der Unterländer Jodel-Community Fuß zu fassen. Seine Geduld zahlte sich letztlich aber aus: In den vergangenen Wochen hat er es nun immerhin drei Mal geschafft, sich mit anderen Jodlern in der Heilbronner Innenstadt zu treffen.


Text: Benjamin Richter, Bild:Heilbronner Stimme