241 Tage gen Osten - Mit dem Rad nach China | hochschulenhoch3

Mit dem Rad nach China

16. März 2017 – Irgendwann liegt sie vor ihnen: die Grenze zu China. Ein schlichter Holzzaun irgendwo in der staubigen Einöde. Aber sie ist das Ziel, das Frederic Fritz und Pierre Letellier in den letzten sechs Monaten auf dem Sattel ihrer Fahrräder die ganze Zeit vor Augen hatten. „Die Glücksgefühle in dem Moment waren der Wahnsinn,“ sagt Fritz jetzt, einige Monate später. Gut, die letzten 140 Kilometer bis zum Grenzübergang zwischen Kirgisistan und China müssen die Radler mit dem Taxi zurücklegen, und dort machen die Beamten erstmal drei Stunden Mittagspause, bevor sie das Gepäck nach unliebsamen Büchern durchwühlen. Aber nach 190 Tagen und 10 000 Kilometern auf dem Rad spielt das keine Rolle mehr. Konstanz – China: check!

Start: Konstanz, Ziel: China

Bevor Frederic Fritz Anfang des Jahres für ein Referendariat am Paul-Distelbarth-Gymnasium Obersulm nach Heilbronn gezogen ist, wollte er nach China fahren – mit dem Fahrrad. Die Idee dazu hatte der 29-Jährige vor Jahren beim Backpacken in Laos: „Ich habe mich aufgeregt, dass ich auf die touristische Infrastruktur angewiesen war.“ Das Rad erscheint da als das ideale Fortbewegungsmittel. „Man ist unabhängig, kommt voran, ist in der Natur und lernt Leute kennen.“

Aber wie bereitet man sich auf so eine Radtour der Extreme vor? Erfahrung hat der Franzose Pierre Letellier, mit dem Fritz vor Jahren bei Work and Travel Bäume in der australischen Wüste gepflanzt hat. Also holt sich Fritz ein paar Tipps – und erfährt, dass dieser eine ähnliche Tour nach Japan geplant hat.

Und so radeln sie im März 2016 gemeinsam von Fritz Heimatstadt Konstanz aus los, immer gen Osten, China fest im Blick. Der Weg dorthin? Ungewiss. Und die beiden haben sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Es funktioniert trotzdem. Irgendwann führt der Weg durch hupenden türkischen Großstadtverkehr und die tadschikische Hochebene, wo auf 4600 Metern kaum mehr Luft zum Atmen bleibt. Obwohl es dort manchmal 140 Kilometer bis zum nächsten Dorf sind: Einsam ist es in den seltensten Fällen. Immer wieder treffen die beiden andere Radfahrer, fahren über weite Strecken mit ihnen zusammen.

riskante Gastfreundschaft

Und in einigen Ländern bricht ein regelrechter Hype um Fritz und Letellier aus – vor allem weil letzterer auf seinem selbst gebastelten Hochrad alle überragt. Einladungen zum Tee in der Türkei bleiben nicht aus, zu Wodka in Georgien, oder jemand bietet einen Schlafplatz. „Je weiter östlich du kommst, desto häufiger wirst du eingeladen“, sagt Fritz.

Dabei teilen die Gastgeber oft nicht nur das wenige, das sie haben. In Myanmar und im Iran ist es auch strikt verboten, Ausländer bei sich aufzunehmen. Wer es trotzdem tut, kann große Probleme mit der Polizei bekommen – zumindest, wenn er erwischt wird. Das Risiko nehmen viele Leute in Kauf. „Gerade die Iraner haben im Westen oft das Image des Bösen“ sagt Fritz. „Die wollen zeigen, wie gastfreundlich und wenig religiös sie eigentlich sind. Und sie sind neugierig auf Europäer.“

In Tadschikistan dagegen ist das Essen so karg und teilweise unhygienisch, dass ein Großteil der Tourenradler krank wird. Da ist der Engländer, der wegen eines Parasiten 15 Kilogramm abnimmt – und trotzdem weiterfährt. Oder der, der im Gebirge nur knapp die Höhenkrankheit überlebt. Auch Letellier erwischt es. In China, nach rund 10 000 Kilometern und 203 gemeinsamen Tagen, trennen sich die Wege. Letellier geht zum Wandern nach Tibet, Fritz radelt und fährt mit dem Zug weiter nach Myanmar.

Ende November geht es für ihn von Bangkok aus mit dem Flieger zurück nach Deutschland. Dort kommt er nicht viel zum Nachdenken. „Aber drei, vier Wochen später kam trotzdem so ein kleiner Knick“, sagt Fritz. Wenn er auf seine Reise angesprochen wird und was er Großes geschafft hat, dann zuckt er mit den Schultern. „Du fährst halt einfach jeden Tag Fahrrad. Du fährst hier los und steigerst dich peu à peu. Und irgendwann bist du in China.“

 

Text: Franziska Türk, Fotos: privat, Jonathan B. Roy